Warum Kultur für Christen unverzichtbar ist

C.S. Lewis› Essay «Christentum und Kultur» neu betrachtet

«An diesem Punkt kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn nicht nur moderne säkulare Menschen, sondern auch moderne Christen diesen Nutzen der Kultur nötig hätten? Weil sie eine helfende Hand brauchen, um aus ihrer kleinen, nahezu fensterlosen Höhle auszubrechen?»

In seinem Essay «Christentum und Kultur»1 denkt C.S. Lewis über die Bedeutung der Kultur für Christen nach, wobei er unter Kultur «intellektuelle und ästhetische Aktivitäten» versteht. Ausgehend von einer relativ nüchternen Sicht darauf, was Kultur für Christen bedeutet (nämlich hauptsächlich eine Quelle des Lebensunterhalts und des Vergnügens), hebt er am Ende ihre Rolle als Wegbereiter für das christliche Evangelium hervor. Ich nehme Lewis’ Ansatz als Ausgangspunkt, um drei Wege aufzuzeigen, wie Kultur auch für Christen unverzichtbar ist.

Kultur als Lehrmeister und Ausweg aus einem kleinen, fensterlosen Universum

Lewis ist der Ansicht, dass die Kultur für Ungläubige ein «Zuchtmeister» (“schoolmaster”) sein kann, um sie zum Glauben zu bringen: Indem sie Menschen mit den besten «sub-christlichen» Werten konfrontiert, kann sie deren Durst nach den höheren, christlichen Werten wecken: «Für den Menschen, der von unten kommt, kann das Ideal des Rittertums ein Lehrmeister für das Ideal des Märtyrertums sein.” 2 Aber zweitens kann die Kultur die Selbstgefälligkeit des modernen Menschen durchbrechen, der in der Enge seiner entzauberten Weltanschauung gefangen ist:

“Die Schwierigkeit, einen ungebildeten Menschen zu bekehren, liegt heutzutage in seiner Selbstgefälligkeit. Die populäre Wissenschaft, die Konventionen oder ‹Unkonventionen› seines unmittelbaren Umfelds, Parteiprogramme usw. schließen ihn in ein winziges, fensterloses Universum ein, das er für das einzig mögliche hält. Es gibt keine fernen Horizonte, keine Geheimnisse. Er glaubt, dass alles schon geregelt ist. Ein kultivierter Mensch hingegen ist sich fast zwangsläufig darüber im Klaren, dass die Realität sehr seltsam ist und dass die ultimative Wahrheit, was auch immer sie sein mag, die Merkmale der Fremdheit aufweisen muss – etwas sein muss, das dem Unkultivierten fern und fantastisch erscheinen würde. Damit sind einige Hindernisse für den Glauben bereits aus dem Weg geräumt.”

C.S. Lewis

Dies steht im Einklang mit dem biblischen Bericht: In seiner Botschaft an die Athener in Apostelgeschichte 17 zieht der Apostel Paulus die Kultur der Griechen, für die Darstellung des Evangeliums heran: Z.B. ihre Vorstellung von einem «unbekannten Gott» oder die Erkenntnis eines griechischen Dichters, dass wir alle in Gott «leben und unser Sein haben». Die alten Griechen glaubten jedoch an ein «verzaubertes» Universum und hatten ein echtes Schuldbewusstsein, wie Lewis an mehreren Stellen in anderen Aufsätzen darlegt. Wenn also die Kultur jenen Menschen geholfen hat, die empfänglicher für das Evangelium waren als heutige Menschen, dann brauchen erst recht (post-)moderne, naturalistisch geprägte Menschen eine kulturelle «Starthilfe».

An diesem Punkt kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn heutzutage nicht nur säkulare Menschen, sondern auch Christen diesen Nutzen von Kultur nötig hätten? Weil sie eine helfende Hand brauchen, um aus ihrer kleinen, nahezu fensterlosen Höhle auszubrechen? Auf den ersten Blick mag dies absurd erscheinen. Schließlich glauben Christen an das Übernatürliche; wie könnten sie da in einem «winzigen fensterlosen Universum» vegetieren? Aber selbst der Glaube an das Übernatürliche kann zu einer Ideologie werden, zu einer bloßen Behauptung, die keinen substanziellen Bezug zur Realität hat. Ist das in christlichen Kirchen nicht oft der Fall? Und ja, ich meine nicht nur «tote» Kirchen mit territorialer Mitgliedschaft, sondern auch freie protestantische Kirchen, bei denen die Mitgliedschaft eine Frage der persönlichen Entscheidung ist.

Sie werden vielleicht entgegnen: «Aber abgesehen von all ihren Unterschieden in Bezug auf Wunder und das Wirken des Heiligen Geistes haben diese Kirchen alle den Glauben an die Wirksamkeit des Gebets gemeinsam.» Schön und gut. Und doch, bedenken Sie, wie Lewis den modernen Menschen charakterisiert: «Es gibt keine fernen Horizonte, keine Geheimnisse. Er glaubt, dass alles schon geklärt ist.» Ist das nicht die implizite (sicherlich nicht die explizite) Haltung großer Teile des evangelikalen Christentums heutzutage? Um es mit einem Slogan zu sagen: Wenn «die Antwort auf jede Frage ‹Jesus› ist», wie ist das Christentum in dieser Hinsicht nicht einfach eine weitere durch und durch moderne, wenn auch religiöse Bewegung?

Ich habe die ersten Jahre meines christlichen Lebens in einigen Brüder-artigen Gemeinden verbracht, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen eine solche «Alles ist schon geklärt»-Mentalität hatten. Das hat mir nicht gut getan. Was mir jedoch half, zu wachsen, war Kultur: nicht zuletzt in Form der Bücher von Lewis. Ja, diese Bücher haben mir ungeheur viel Freude bereitet, aber ich wage zu behaupten, dass sie mich auch zu einem besseren Menschen gemacht haben. Lieber Jack, vielleicht hast du den Wert einer guten, christlich inspirierten Kultur unterschätzt!

Den Spielraum nutzen

Es gibt noch eine zweite Art und Weise wie Kultur für Christen von enormer Bedeutung ist.

Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor. Es findet auf einem Feld statt, das Linien hat, die die Grenzen markieren, innerhalb derer gespielt werden darf. Natürlich ist es für jeden Fußballspieler wichtig, diese Linien zu kennen und sie zu respektieren. Aber natürlich geben sie ihm nur die allerrudimentärsten Informationen darüber, wie man gut Fußball spielt. Fußball finden zwischen den Linien statt. Und wie man das gestaltet, muss auf andere Weise als bloßes Befolgen der Regeln herausgefunden werden: im Wesentlichen durch eine Kombination von externen (die Anweisungen des Trainers oder ihre gegenseitige Kommunikation) und internen (der Instinkt und das Talent jedes einzelnen Spielers) Faktoren.

Ich sehe die biblischen Gebote in etwa so: Sie bilden den Rahmen dafür, wie man ein gutes Leben führt. Wie man diesen Rahmen mit Leben füllt, muss man auf andere Weise entdecken, natürlich unter Beachtung der Grenzen des Rahmens. Ein Spielzug im Fußball, bei dem ein Spieler im Abseits wartet, um den Ball zu erhalten und ihn dann nacheinander in den Sechzehnmeterraum flankt, wäre zu nichts gut. Ich glaube, das Versäumnis, die Rolle der Schrift im Glaubensleben auf diese Weise zu begreifen, ist ein Übel, das viele Kirchen heimsucht, die der Bibel eine zentrale Rolle für das kirchliche Leben zuschreiben (ein per se lobenswerter Ansatz).

Die gerade beschriebene Herangehensweise an die Schrift kann erklären, warum Lewis› Beobachtung, das Neue Testament sei «kalt» gegenüber der Kultur, einem hohen Wert der Kultur für Christen nicht im Wege stehen muss. Es ist «kalt», weil es davon ausgeht, dass die Menschen ohnehin kulturellen Aktivitäten nachgehen, und es kommentiert diese nur insoweit, als sie das geistliche Wachstum bedrohen (man denke nur an die Mahnungen des Paulus bezüglich «Philosophie» in Kolosser 2).

Kein kulturfreier Raum

Ein letzter Grund, warum Kultur für Christen unverzichtbar ist, ist, dass es keinen kulturfreien Raum gibt. Wo immer Menschen zusammenleben, wird eine Art von Kultur – intellektuelle und ästhetische Aktivität – entstehen, auch in Kirchen. Die Frage ist nur, ob es eine Kultur ist, die dem geistigen und moralischen Wachstum förderlich oder abträglich ist.

Christen erweisen sich selbst einen Bärendienst, wenn sie leugnen, dass Kirchen in irgendeinem Sinne eine «Kultur» haben, die mit der säkularen Kultur vergleichbar ist. Kultur im Sinne von Lewis – «intellektuelle und ästhetische Aktivität» – findet unbestreitbar auch in Kirchen statt, wobei der Schwerpunkt manchmal mehr auf dem ersten und manchmal mehr auf dem zweiten Aspekt liegt. Aber eine Kultur, die als nicht existent deklariert wird, ist einer Prüfung nicht zugänglich, denn es ist offensichtlich sinnlos, eine nicht existierende Sache zu prüfen. Das Ding, das fälschlicherweise als nicht existent deklariert wird, entfaltet jedoch trotzdem seine Wirkung, wenn auch unbemerkt. Kultur ist etwas, das die Menschen umgibt wie die Luft zum Atmen, und so nehmen sie sie auf Schritt und Tritt auf, und sie prägt ihr Wesen.

Das Ignorieren der Kultur ist besonders für Christen schädlich. Und zwar aus folgendem Grund: Christen neigen dazu zu glauben, dass alles, was in der Kirche geschieht, irgendwie von Gott bewirkt wird. Ein kurzer Moment des Nachdenkens zeigt, dass das nicht der Fall ist. Aber um zu unterscheiden, was von Gott kommt und was nur «Lehren von Menschen» sind, muss man zunächst eine Vorstellung davon haben, dass es so etwas wie eine kohärente geistig-ästhetische Welt gibt, die von Menschen in der Kirche geschaffen wurde. Ohne diese grundlegende Erkenntnis kann kein Christ jemals zwischen lediglich kulturellen und tatsächlich geistlichen (vom Heiligen Geist oder der Bibel inspirierten) Einflüssen unterscheiden. Die Folge ist Verwirrung: Manchmal wird die menschliche Kultur (z.B. Traditionen) für göttlich inspiriert gehalten, und manchmal wird Gottes Wort zur rein menschlichen Meinung degradiert.

Ich bin mir bewusst, dass in fast allen Kirchen Diskussionen darüber stattfinden, was nur Tradition und was biblische Wahrheit ist. Aber ich fürchte, dass das nicht ausreichen wird, solange die Idee besteht, dass man so etwas wie einen «rein biblischen» Glauben ohne kulturelle Elemente haben kann. Kultur ist sowieso präsent; also sollten wir ihre Existenz besser akzeptieren und zum Wohle aller gestalten.1

C.S. Lewis, “Christianity and Culture Pt. I”, in: Essay Collection & Other Short Pieces, Harper Collins, 2000

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2 Meine Übersetzung, wie auch für alle folgenden Zitate.Comments

Die Bibel ist nicht biblizistisch

Eine Fallstudie

Der Biblizismus ist unhaltbar.

Biblizismus ist die Ansicht, dass die Bibel «die einzige Quelle für die Formulierung des christlichen Glaubens und der christlichen Praxis ist, wobei die Notwendigkeit eines historischen Hintergrunds, das Sammeln von Weisheit aus einer breiteren Tradition, das Erkennen des Einflusses des eigenen kulturellen Standorts und die Gewinnung von Erkenntnissen aus gruppenfremden Perspektiven ausdrücklich abgelehnt werden» (Michael F. Bird).

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Exodus 18,16 zeigt zum Beispiel, dass es schon vor der Übergabe des Gesetzes am Berg Sinai Satzungen und Gesetze gab. Mose erzählt seinem Schwiegervater, wie er über die Fälle urteilt, die das Volk vor ihn bringt:

…wenn sie einen Streit haben, kommen sie zu mir, und ich entscheide zwischen den einen und den anderen, und ich mache sie mit den Satzungen Gottes und seinen Gesetzen bekannt.»

Ex. 18,26

Mose macht diese Aussage, bevor Gott ihm die Satzungen des Gesetzes diktiert (Kapitel 20-23). Es waren also schon Satzungen und Gesetze Gottes bekannt, bevor das mosaische Gesetz erlassen wurde; Gesetze, die nicht in der Heiligen Schrift niedergeschrieben sind. Das ist mit dem Biblizismus unvereinbar.

Man könnte einwenden, dass die Rede von «einer Satzung und einer Regel» bereits in Kapitel 15 (V. 25-26) vorkommt. Aber der Verweis auf Kapitel 15 bedeutet etwas anderes: Dort besteht die Satzung darin, dass Israel aufgefordert wird, auf Gottes Wort zu achten, ohne dass ein konkreter Inhalt genannt wird; sozusagen eine «Meta-Satzung» oder «Proto-Satzung». In Kapitel 18 ist von Gesetzen mit einem bestimmten Inhalt die Rede, ohne die Mose nicht zwischen den verschiedenen Bitten des Volkes hätte entscheiden können.

Es gab schon vor dem mosaischen Gesetz Satzungen und Gesetze Gottes, die nicht in der Heiligen Schrift niedergeschrieben sind.

Ein weiterer Einwand ist, dass Gott Israel sehr wohl inhaltsspezifische Gesetze gegeben hat, die in der Bibel niedergeschrieben sind: die Beschneidung aller männlichen Personen, das Passahfest und das Fest der ungesäuerten Brote. Aber es ist unwahrscheinlich, dass dies der Schwerpunkt von Moses› Schiedssprüchen war. Zweifellos hatte das Volk ganz alltägliche Probleme, die nichts mit religiösen Festen zu tun hatten. Einen Einblick in solche Fragen erhalten wir in den Kapiteln 20-23.

Schließlich passt die Beobachtung, dass das Wissen über Gott, seine Gesetze und moralischen Ansprüche schon vor der schriftlichen Offenbarung und unabhängig davon vorhanden war, zu einem allgemeineren Muster in der Heiligen Schrift. Abel und Kain bringen Opfer dar, die den Vorschriften der Thora entsprechen; wer hat sie dazu aufgefordert? Noah sonderte sieben Paare von reinen Tieren ab; wer sagte ihm, welche Tiere rein oder unrein waren, bevor das Buch Levitikus geschrieben wurde?

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Buchrezension «Großer Himmel – Kleine Hölle?»

Seit kurzem bin ich Teil eines christlichen Männer-„Buchklubs“. Durch ihn gerate ich an Bücher, die ich sonst nie lesen würde.

Von vornherein habe ich dem Gruppenleiter gesagt: „Ich unterziehe christliche Bücher einer besonders sorgfältigen und kritischen Untersuchung.“ (Der Grund ist, dass solche Werke dazu tendieren, auf den ernsthaften christlichen Leser einen nicht zu unterschätzenden Einfluss zu haben). Das habe ich auch mit Jens Kaldeweys Großer Himmel – Kleine Hölle? gemacht. Und nun, warum sollte ich mein so entstandenes Urteil für mich behalten?

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Das Wichtigste gleich vorab: Kaldeweys Buch ist eines, das ich nicht bereue gelesen zu haben. Es ist auch so schon ein wertvoller Beitrag zu der intellektuell wie pastoral hochbrisanten Thematik rund um das ewige Schicksal von Menschen. Es hätte sogar ein richtiges Schwergewicht werden können, hätte der Autor sein eigenes Ziel mit dem Buch besser durchdacht und seiner Argumentation mehr Schneid verpasst. Aber zunächst einmal dazu, warum das Buch überhaupt entstanden ist.

Motivation

Kaldewey schreibt, die traditionelle Höllenlehre (dass die Verlorenen ewig in der Hölle existieren und leiden) ihm mit der Zeit „schrecklich“ – aber wohlgemerkt nicht unwahr – geworden sei (S. 13). Begegnungen mit der Ambivalenz menschlicher Charaktere haben dazu beigetragen: Abgrundtief Böse gebe es selten, meist seien die Personen Amalgame aus guten und schlechten Motiven. Ein weiterer Faktor, die traditionelle Höllenlehre anzuzweifeln, war Kaldeweys Doppelfunktion als Prediger und Seelsorger. Durch die Begleitung von Menschen, die gemäß der traditionellen Lehre auf ewig in der Hölle leiden würden, würde ihm die Hölle auf einmal sehr „persönlich“.

Mit seinem Buch möchte Kaldewey nach eigenen Angaben zur „Enttabuisierung“ der Hölle beitragen, und gleichzeitig neue Denkmöglichkeiten in Bezug auf Himmel und Hölle eröffnen.

Hauptthesen

Kaldewey vertritt drei Hauptthesen, gemäß den drei Hauptteilen seines Buches.

·      Bezüglich Gericht (Teil I): Gott richtet gerecht und barmherzig, unter Berücksichtigung aller Faktoren.

·      Bezüglich Hölle (Teil II): Eine ewige Hölle ist unerträglich, Allversöhnung nicht haltbar, und die Annihilationsthese (dass die Existenz von Menschen nach einer Zeit in der Hölle einfach ausgelöscht wird) immerhin verteidigbar.

·      Bezüglich Himmel (Teil III): Im Himmel gibt es eine „Zweiklassengesellschaft“: die Heiligen, welche in der Stadt Gottes (dem Neuen Jerusalem) wohnen, und die Nationen, welche außerhalb Stadt leben.

Inhaltlicher Kurzabriss

In Teil I geht Kaldewey darauf ein, unter welchen Kriterien das Gericht Gottes stattfinden wird. Sein Hauptanker ist dabei der Charakter des Richters, als dessen maßgebliche Eigenschaft er Barmherzigkeit ansieht. Sein Projekt ist es, dem Begriff „Gericht“ den Schrecken zu nehmen, der zu einem fast schon reflexartigen Zusammenzucken führt bei denen, die davon hören. Der Hauptpunkt ist, dass ein Gericht, oder genauer eine Gerichtsverhandlung verschiedene Ausgänge haben kann: man kann schuldig oder frei gesprochen werden; man kann Recht bekommen oder nicht. Kaldewey ist der Überzeugung, dass das Gericht Gottes einen rektifizierenden Charakter hat (diesen Begriff verwendet er allerdings nicht selbst, es ist eine Umschreibung von mir): Es wird dafür sorgen, dass Dinge wieder in Ordnung kommen. An einer Stelle vergleicht er das Gericht sogar mit seinem hauseigenen Familienrat.

Ferner zählt Kaldewey eine ganze Reihe Kriterien auf (belegt durch Bibelstellen), anhand derer Gott sein Urteil über Menschenleben fällen wird.

Teil II ist der sicher brisanteste, hier geht es um die Hölle. Wie schon erwähnt ficht Kaldewey die traditionelle Sicht an; allerdings weniger dadurch, dass er Argumente gegen sie bringt (das einzige „Argument“ ist sein tiefes Unbehagen), sondern dadurch dass er alternative Sichtweisen untersucht. (Kaldewey macht diese Vorgehensweise übrigens absolut transparent). Die zwei Alternativen sind die Allversöhnungslehre, gemäß der am Ende alle Menschen in den Himmel kommen (selbst wenn sie für eine gewisse Zeit eine Läuterung in der Hölle oder einem ähnlichen Ort durchleiden müssen), und die Annihilationslehre, die behauptet dass verlorene Seelen nach einer gewissen Zeit der Bestrafung in der Hölle schlicht „annihiliert“ – vernichtet – werden. Die Allversöhungslehre verwirft Kaldewey aus Mangel an biblischen Belegen; für die Annihilationsthese findet er zwar Unterstützung aus der Schrift, kann aber die Verse nicht entkräften, die scheinbar eindeutig von einem endlosen Leiden in der Hölle berichten (z.B. Offenbarung 20,10).

In Teil III schließlich erklärt der Autor seine Sicht vom Himmel. Genauer gesagt ist seine These, dass es viel mehr Menschen dort geben wird als traditionell angenommen. Laut Kaldewey gibt es zwei „Zonen“ im Himmel, der eigentlich eine neue Schöpfung (neuer Himmel und neue Erde, Offb 21,5) ist: Das Neue Jerusalem, deren Bewohner Gott besonders nah sind, und die restliche neue Erde, wo die „Nationen“ leben. Tatsächlich entspricht das der Schilderung im letzten Teil der Offenbarung, aber Kaldewey zitiert auch Stellen aus anderen Teilen des Neuen Testaments, um seiner Sichtweise noch mehr Plausibilität zu verleihen. Insbesondere hebt er auf die von Christus mehrfach verwendete Unterscheidung von „Berufenen“ und „Auserwählten“ ab; nur die Auserwählten landen am Ende im Neuen Jerusalem. Er versucht dadurch seinem eingangs beschriebenen Unbehagen Rechnung zu tragen, dass Menschen, die zwar formal nicht an Jesus glauben, aber dennoch klare Zeichen göttlicher Tugenden (z.B. Barmherzigkeit) tragen, nur deshalb in die Hölle kommen sollen, weil sie den historischen Inhalt des Evangeliums nicht geglaubt haben.[1]

Stärken des Buchs

Eine große Stärke von Kaldeweys Buch ist, dass es mit einem pastoralen Herzen geschrieben wurde. Eine andere ist, dass seine Argumentation beizeiten überzeugend ist. Ebenso schafft Kaldewey es tatsächlich, den Horizont zu erweitern, indem er der Randposition des Annihilationismus (über die zumindest ich nie wirklich nachgedacht hatte) glaubhaften intellektuellen Support verschafft.

Was genau verleiht dem Buch Überzeugungskraft? Ich sehe die Ursache in einer Mischung aus sorgfältiger Bibelanalyse und Einsicht in die Natur des Menschen. Ich will ein paar Beispiele zunächst für Letzteres und dann für Ersteres nennen.

Da ist zum Beispiel die Einsicht, dass Gewalt „nicht an sich böse“ ist (43). Gott kann sie also durchaus in einem gerechten Gericht einsetzen. Oder das Verständnis dafür, dass die „Absichten der Herzen“ eine zentrale Rolle für die Bewertung menschlicher Handlungen haben (61) – eine zwar nicht universell geteilte, aber dennoch philosophisch überzeugende Position, die auch biblischen Support erhält (vgl. die Unterscheidung zwischen unabsichtlichem und absichtlichem Töten eines Menschen in 4Mo 35,15-16). In die gleiche Kerbe schlägt seine Behauptung, dass der „Grad unseres Wissens“ (101) das Urteil über uns wesentlich beeinflusst. Als besonders spannend empfand ich Kaldeweys Aussage: „Wer barmherzig ist, hat sich bereits auf Gott eingestellt.“ (97). Eine ähnliche Intuition hatte ich schon lange, und wiederum gibt es auch dafür einen biblischen Beleg (Kornelius in Apg 9/10). Wiederum wird hier die Frage aufgeworfen, wie die Gottesbeziehung von jemandem zu bewerten ist, der keinen oder nur einen schemenhaften belief (siehe Fußnote) an Gott hat. Die Idee, dass jemand, der mit dem wenigen Wissen, das er hat, doch das existenziell und moralisch Richtige tut, zumindest ein Teilhaber der in der neuen Schöpfung angesiedelten Nationen ist, ist attraktiv, und offenbar auch gut begründbar. Und dann erschien mir noch seine Behauptung, dass es Böses gibt, das „nicht therapiert werden will“ (245), eine wenig betrachtete und doch plausible Erkenntnis darzustellen. C.S. Lewis behandelt dieses Thema psychologisch scharfsinnig in The Great Divorce, wo den Höllenbewohner ein Besuch im Himmel gestattet wird; (fast) alle jedoch wollen danach wieder zurück in die Hölle. Möglicherweise liegt sogar eine Lösung des Höllendilemmas. Selbst wenn die Hölle ewig ist, haben ihre Insassen sie in ihrem Hass auf Gott möglicherweise selbst gewählt. (Dagegen spricht allerdings Lukas 16,26).

Auf der exegetischen Seite eröffnet Kaldeweys Auffassung der „Berufenen-Auserwählten“-Unterscheidung neue Denkansätze. Seiner Ansicht nach sind die lediglich Berufenen keine Höllenkandidaten, auch wenn sie am Ende Gott nicht so nahe sind wie die Erwählten. Diese Sicht der Dinge ist im Einklang mit seiner Auslegung von Matthäus 7,13-14, gemäß das „Verderben“ des breiten Wegs nicht notwendigerweise ein ewiges Verderben ist. Wo wir schon beim Thema sind: Kaldeweys Argumentation für die Annihilationslehre rührt hauptsächlich von zwei Wortstudien her, einmal zum Wort „ewig“ und einmal zum Wort „Verderben“. Er kann dabei zeigen, dass „ewig“ nicht immer im Sinne einer nie endenden Dauer verstanden wird, und „Verderben“ auch durchaus die Konnotation einer „Annihilation“ annehmen kann.

Schwächen des Buchs

Eine Sache, die mich beim Lesen von Großer Himmel – Kleine Hölle? immer wieder gestört hat ist Kaldeweys nicht selten unreflektierte Verwendung von Annahmen, Vergleichen oder Analogien. In jedem dieser Fälle wäre eine Begründung oder Abwägung nötig gewesen.

Zum Beispiel behauptet er, Christus sei auch im Gericht der Mittler zwischen Gott und Menschen (33)[2]. Aber es ist überhaupt nicht klar, dass Christus dies auch im Gericht ist. Unbestritten ist nur, dass er Mittler für all diejenigen ist, die mit ihren Sünden zu Ihm kommen (vgl. 1 Tim 2,4-5; Hebr 8,5-6). Überhaupt erinnert seine Zuversicht in Bezug auf den Ablauf des göttlichen Gerichts („Das wird auch im Gericht Gottes so sein“, 37; „Wir dürfen fest damit rechnen“, 41, „Ein großer Teil der Verhandlungen wird versöhnlich sein“, 53) seltsam an Wunschdenken, weil ihr die Argumente fehlen – die biblisch begründbare „default position“ ist ja, dass alle Menschen Sünder sind und selbst „unsere Gerechtigkeiten wie ein beflecktes Kleid“ sind (Jes 64,6). Wer also behauptet, das Gericht Gottes habe den Charakter eines „Familienrats“ (Kaldeweys Analogie auf S. 48 ff.) auch für solche, auf die Johannes 5,24 nicht anwendbar ist, der muss Argumente liefern.

Ein weiterer großer Punkt, der mich oft vor den Kopf stieß, ist Kaldeweys Ignoranz seit langem geführter Debatten in der christlichen Theologie und Philosophie. So wischt er den Strafaspekt von Jesu Tod mit einer Handbewegung vom Tisch (49), basierend lediglich auf den Aussagen des umstrittenen Prof. Zimmers zu einem hebräischen Wort (musar in Jes 53,5). Selbst wenn Zimmer in diesem Fall Recht hat, ist dies noch lange keine ausreichende Datenbasis um die Absenz des Konzepts der Strafe im Alten Testament zu belegen. Auch, dass er seine Erkenntnisse über die Nationen in der neuen Schöpfung als „wenig bekannten Ansatz“ bezeichnet, mutet seltsam an. Meine ESV Study Bible erwähnt ihn im Kommentar zur Offenbarung jedenfalls oft. Und dann wäre da noch seine Anmerkung, das Neue Testament kenne „so gut wie keine Diskussion“ (310) über das Thema Zwischenzustand[3] (abgesehen von Lk 16,19-31). Tatsächlich? Was ist dann mit Mt 22,31-32 (plus Parallelstellen in Lukas und Markus), 2 Kor 5,1-4, Offb 6,9 und 20,4? Und mit den lebendigen Diskussion von Theologen und Philosophen im angelsächsischen Raum (z.B. Cooper 1989; Green and Turner 2000; Van Inwagen 2018; Loose 2018)? Von all dem ist keine Rede, stattdessen bedient Kaldewey das halbgare Stereotyp, der Leib-Seele-Dualismus sei „von der griechischen Philosophie geprägte Theologie“ (309).

Vielleicht hätte Kaldewey hier leiser treten, aber für seine „Punchline“ löwenhafter auftreten sollen. Wie schon gesagt, hat insbesondere seine „Himmelsthese“ viel biblischen Support; aber die Annihilationslehre, wenn sie denn ein ernsthafter Kandidat für die Wahrheit ist, hätte mehr argumentativen Biss verdient. Denn was nützt es, wenn eine These nur seelische Linderung verschafft, aber keiner Wahrheitsprüfung standhält? Dann fehlt ihr am Ende jede Heilkraft, denn unsere Gefühle können nicht lange im Widerspruch zu unseren intellektuellen Überzeugungen stehen. Und so bringt es wenig, wenn Kaldewey nur die Beweisbarkeit der traditionellen Höllenposition infrage stellt. Welche Position akzeptiert er denn als „beweisbar“? Mit welchem Beweisbarkeitsbegriff arbeitet er hier überhaupt?[4] Als Leser hätte ich mir gewünscht, eine Verteidigung des Annihilationismus zumindest versucht zu sehen – und für den Fall, dass er der traditionellen Lehre nicht das Wasser reichen kann, ein Eingeständnis dessen, dass es trotz ihres Schreckens kein Vorbeikommen an der ewigen Hölle gibt.

Fazit

Großer Himmel – Kleine Hölle? ist es wert gelesen zu werden. Wer sich mit Alternativpositionen zu Himmel und Hölle noch nicht auseinandergesetzt hat, dessen Denkhorizont wird definitiv erweitert. Für eine solide Verteidigung von Kaldeweys Sichtweisen (v.a. des Annihilationismus) ist das Buch argumentativ zu halbherzig.

Bibliographie

Cooper, John W. 1989. Life Everlasting: Biblical Anthropology and the Monism-Dualism Debate. Grand Rapids: Eerdmans.

Green, Joel B, and Max Turner. 2000. Between Two Horizons: Spanning New Testament Studies and Systematic Theology. Wm. B. Eerdmans Publishing.

Kaldewey, J. (2021): Großer Himmel – Kleine Hölle?, SCM R. Brockhaus

Loose, Jonathan J. 2018. “Materialism Most Miserable: The Prospects for Dualist and Physicalist Accounts of Resurrection.” The Blackwell Companion to Substance Dualism, 469–87.

Van Inwagen, Peter. 2018. “I Look for the Resurrection of the Dead and the Life of the World to Come.” The Blackwell Companion to Substance Dualism, 488–500.


[1] An dieser Stelle ist eine Unterscheidung von „glauben“ gemäß dem englischen belief und faith hilfreich. Kaldewey geht es darum, dass solche Menschen belief an den Inhalt des Evangeliums mangeln. Sie mögen dennoch, wenn auch in in direkter Weise, faith haben.

[2] Auf S. 34 verwendet er die m.E. noch unpassendere Metapher des Rechtsanwalts. Ein RA ist ja nun wirklich kein Vermittler, sondern Verteidiger)

[3] Gemeint ist ein Zustand der menschlichen Person nach dem Tod und vor der Auferstehung.

[4] Ich denke schon, dass es so etwas wie Beweisbarkeit biblischer Lehren gibt. Zum Beispiel per gesamtbiblischem Zeugnis: Wenn eine Lehre oft genug, und über die gesamte Schrift verteilt vorkommt, dann kann man sie als bewiesen akzeptieren.

Gute Absicht macht noch kein gutes Buch

Buchrezension „Die Ewigkeit im Herzen“

Eigentlich ist dieses Buch keiner Rezension wert. Warum schreibe ich dennoch eine? Zum einen ist das Verfassen dieser Zeilen mein persönlicher Versuch, konstruktiv das zu verarbeiten, was dieses Buch in mir ausgelöst hat. Zum anderen sehe ich in diesem Buch – wie in bestimmt zahllosen anderen evangelikalen Büchern – genau jenen Anti-Intellektualismus widergespiegelt, der die evangelikale Welt seit 200 Jahren schwächt, und so wird die Kritik an „Die Ewigkeit im Herzen“ zur exemplarischen Kritik an der intellektuell atrophierten Literatur, die evangelikale Buchläden füllt.

Beveres Buch ist nicht nur in Wortwahl und Stil grobschlächtig, sondern auch theologisch schlampig; wenn es um nichtbiblisches Wissen geht, wird Bevere teilweise abstrus. Was dem Buch intellektuell mangelt, das macht es mit deftiger Rhetorik und zum Teil kitschigen emotionalen Appellen wieder „wett“. Unterm Strich ist dies ein Werk, das nicht nur ein durchaus zentrales Thema für die Lebensausrichtung von Christen anspricht, sondern dem weisen Leser sogar einige gute Impulse mitgeben kann – jedoch nur, wenn der Leser bereit ist, die biblische Aufforderung „Prüfet alles, das Gute aber behaltet“ (1 Thes 5,21) zur persönlichen tough mudder[1] Challenge zu machen.

Kurzabriss

Bevere hat es sich zum Ziel gemacht, den Leser zu ermutigen so zu leben, dass sein Leben „jetzt und in der Ewigkeit zählt“, wie der Untertitel der deutschen Ausgabe sagt. Dazu verwendet er eine Mischung aus Allegorie und predigtartiger Bibelauslegung. Mit „Ewigkeit“ ist das ewige Schicksal von Menschen gemeint – Himmel oder Hölle, sowie für die künftigen Himmelsbewohner der Lohn, den sie von Christus empfangen. Nach einer kurzen Abhandlung des Begriffs „Ewigkeit“ (Kap. 1) wendet sich Bevere einer von ihm eigens ausgedachten Allegorie über das Königreich Affabel (welches den Himmel, oder präziser die neue Schöpfung repräsentiert) zu (Kap. 2 + 3). Dieser erste Teil der Allegorie soll verdeutlichen, dass so mancher, der sich für einen Christen und somit in Gottes Gunst wähnt, ein böses Erwachen erleben wird – und zwar in der Hölle. Bevere beschreibt das Leben vierer Charaktere, „Liebe“, „Doppelleben“, „Zaghaft“ und „Selbstsüchtig“. Sie alle starten ihr Leben in Endel, welches allegorisch für die Erde steht. Am Ende ihrer Zeit dort, welche den Charakter einer praktischen Prüfung hat, werden alle zur Beurteilung vor den Thron Jalyns, der für Christus steht, geführt. Zwei von ihnen gehen (mit unterschiedlichem Lohn) in die Herrlichkeit ein, die anderen landen in der ewigen Finsternis.

Es folgen eine theologische Aufarbeitung der Allegorie (Kap. 4-7) sowie deren zweiter Teil (Kap. 8). Dort geht es um den Richterstuhl Christi und die unterschiedliche Bewertung der Leben von „Liebe“ und „Selbstsüchtig“. Wiederum hängt Bevere eine theologische Erklärung, verbunden mit Appellen zur richtigen Lebensführung, an (Kap. 10-13).

Ein paar Lichtblicke…

Ich möchte zunächst einmal unterscheiden zwischen dem, was das Buch geistlich im Leser auszulösen vermag, und seinem intellektuellen Wert. Auf der geistlichen Ebene hat Beveres Buch bei mir durchaus positive Impulse setzen können, allein dadurch, dass es die Bedeutung unser irdischen Lebensführung für unser ewiges Schicksal recht grafisch vor Augen malt. Ich nehme an (und aus meinem Männer-Buchclub haben mir dies fast alle bestätigt), dass es vielen anderen Lesern auch so geht.

Ein paar intellektuelle Lichtblicke hat das Buch auch zu bieten. So ist Beveres Diskussion des Begriffs „Ewigkeit“ gar nicht mal so schlecht (S. 15-20). Auch die Allegorie von Endel und Affabel ist als Gesamtkonstrukt gut. Besonders angemessen erschien mir die Beschreibung der Bewohner von Affabel (Kap. 3) – hier musste ich spontan an C.S. Lewis‘ The Great Divorce denken. Immer wieder streut Bevere unerwarteten theologischen Scharfsinn ein, so z.B. in Form seiner Bemerkung, die Geschichte von Lazarus und dem Reichen in Lukas 16,19ff. sei kein Gleichnis (ich sage das schon seit Jahren!). Oder sein Insistieren auf der Disjunktion zwischen „Gottesfurcht“ und „Menschenfurcht“ (Kap. 7), oder seine Erklärung, unser Leben solle „erfolgreich verlaufen, aber gemäß den Maßstäben des Himmels, nicht denen unserer Kultur“ (173). Oder seine Unterscheidung zwischen einer Geisteshaltung und ihren Ausdrucksformen (299). Und generell macht er ein paar gute Punkte zum Thema persönliche Berufung, die man so auch nicht oft in Predigten hört – z.B. dass es eine konkrete individuelle Berufung für jeden Christen gibt und ihr Verfehlen Konsequenzen nach sich zieht. Beveres kurze Autobiographie unterstreicht seine Philosophie der Berufung, gemäß der es sehr wohl eine distinkte Rolle gibt, die wir in Gottes Plan spielen sollen (z.B. Pastor oder Unternehmer).

In einem Punkt scheint er sich der Implikationen der Position, die er vertritt – nämlich dass es neben den Bewohnern des Neuen Jerusalems auch andere Menschen, die „Nationen“, in der neuen Schöpfung geben wird – gar nicht bewusst zu sein. Zum einen ist diese Position alles andere als Standard in evangelikalen Kreisen (wiewohl ich sie aufgrund des klaren Schriftzeugnisses für richtig halte), zum anderen steht sie zumindest in Spannung zu anderen von ihm gemachten Behauptungen.

…und ganz viel Stoff zum Gesicht-in-den-Händen-Verbergen.

John Bevere legt generell wenig Wert auf Genauigkeit und saubere Argumentation – manche Behauptungen sind sogar so eklatant falsch, dass man sich fragt, ob das Buch jemals lektoriert wurde. Meistens aber ist es die Oberflächlichkeit der Argumentation, verbunden mit einer unangemessenen Verwendung von Begriffen, die das Lesen des Buches zur Geduldsprobe macht.

Ein paar Beispiele, gleich in Kap. 1. Die auf S. 15 verwendete Bibelübertragung (The Living Bible) ist dermaßen frei, dass man sich fragt, ob der Sinn überhaupt noch richtig wiedergegeben wird: „Niemand kann auch nur erahnen, was die Ewigkeit ist.“ Zum Vergleich: die wortgetreue Elberfelder Bibel übersetzt mit „die Zahl seiner [Gottes] Jahre, sie ist unerforschlich“. Auf S. 21 schreibt Bevere, es sei „erschreckend, wenn man die zeitlichen Dinge dieser Welt für ewige Wahrheiten hält“. Nun, erstens sind Dinge keine Wahrheiten (Wahrheiten sind Aussagen über Dinge, also können die beiden nicht identisch sein), und zweitens wirkt das Attribut „erschreckend“ völlig überzogen. Wer schreibt denn den zeitlichen Dingen in einem strikten Sinn ewige Gültigkeit zu? Natürlich vergessen wir oft, sie im Lichte der Ewigkeit zu sehen, aber das ist ein universales menschliches Problem. Nicht schön, aber auch kein Grund zur Empörung.

Oder nehmen wir seine Diskussion des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen (24). Zunächst einmal sind die Dimensionen von Zeitlichkeit und Ewigkeit gar nicht im Brennpunkt des Genesis-Berichts; man fragt sich also, warum er hier überhaupt Erwähnung findet. Dann verwickelt Bevere sich in einen Widerspruch: Zum einen behauptet er, der Baum habe tatsächlich etwas Gutes an sich gehabt, dann aber wiederum, dass Eva einer Täuschung unterlag, als sie etwas Gutes in ihm sah. Und schließlich macht er die Verwirrung vollkommen, indem er auch noch gesellschaftliche Werte einbindet als etwas, an dem sich Christen nicht orientieren sollten. Wie das alles in Bezug zum Thema „Ewigkeit“ steht, bleibt unklar.

Dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch, schwingt sich aber gelegentlich sogar zu veritablen Falschaussagen auf. So ist z.B. seine Behauptung, die Begriffe „Scheol“, „Hades“ und „Grab“ bezeichneten alle die Hölle, schlicht unhaltbar. Seine Ausführungen über die „Verführten“ in Kap. 5 leiden zunächst einmal unter der unverständlichen Gleichsetzung von „Verführten“ mit „Hochstaplern“ und „Betrügern“ (113). Offensichtlich führen die Letzteren ihre Machenschaften mit voller Absicht aus, während Erstere, gemäß dem Wortsinn von „verführt“, sich der Schlechtigkeit ihrer Handlungen nur teilweise bewusst sind. Und das ist kein einzelner Ausrutscher seitens Bevere: So zitiert er den Judasbrief, der Verführer in Gemeinden beschreibt, nicht aber Verführte (115), und macht die Strafe für die Verführten genauso hart wie für die Verführer. Das widerspricht jeglichem Gerechtigkeitssinn und wohl auch Gottes Gerichtskriterien.

Noch mehr theologische Patzer gefällig? Bitte: Sein Erleben in einem malaysischen Gottesdienst (als die Atmosphäre so heilig war, dass er Angst hatte, etwas Falsches zusagen) sei analog zur Episode von Ananias und Saphira in Apg 5 (welche gelogen hatten) (164); man könne Jesus lieben und trotzdem von ihm abfallen (166); oder wie wäre es mit der kategorischen Behauptung, der Zehnte müsse immer in die Ortsgemeinde fließen, und „Opfer“ seien immer darüber hinaus gehende Abgaben (285)? Man kann diese Position vertreten, nicht aber ihr universale Geltung zumessen.

Noch hanebüchener wird es, wenn Bevere Behauptungen außerhalb der Theologie macht. Der im Koma liegende Junge habe einen IQ von 0,01 gehabt (207) – wer hat den IQ gemessen wo IQ-Test möglich war? Und warum gerade diese Zahl?; Gold in seiner reinsten Form sei durchsichtig (208) – nein, ist es nicht. Es ist…golden. Oder: die Christenheit sei in ihren ersten Jahren exponentiell gewachsen (254). Hat Bevere sein gesamtes Ingenieursstudium vergessen? Exponentielles Wachstum bedeutet Verdopplung mit jedem Wachstumsschritt, wobei die Wachstumsschritte durch fixe Intervalle getrennt sind. Nehmen wir als Startanzahl einen einzigen Gläubigen (und wir wissen, dass es bereits am Anfang viel mehr waren) und ein Verdopplungsintervall von einem Jahr. Innerhalb der ersten 50 Jahre wären aus dieser einen Person 1,13 Billiarden Gläubige geworden! Setzt man nur 30 Jahre an, sind es immer noch über eine Milliarde Menschen – mehr als die gesamte Weltbevölkerung von damals. Bevere wollte wahrscheinlich sagen, das Wachstum sei enorm gewesen. Aber „exponentiell“ ist nun mal ein feststehender Begriff.

Kaum glaubhaft ist seine Behauptung, dass 150 Verbrecher, 100 Alkoholiker und zig Prostituierte den Staat „1,5 Millionen Dollar“ gekostet haben – dazu reicht wahrscheinlich schon eines dieses Subjekte. Vielleicht ist es auch die Schuld des deutschen Verlags, dass man hier um den Faktor tausend verrutscht ist (und „billion“ mit „Million“ übersetzt hat…) – Bevere ist es jedoch anzukreiden, dass er nicht sieht, dass die vielen erfolgreichen Nachkommen des gottesfürchtigen Mannes nicht nur „den Staat keinen Penny“ gekostet haben, sondern sogar Wert in der Größenordnung des Verlustes der „Fluchlinie“ geschaffen haben.

Ich könnte noch weitermachen, belasse es aber hierbei. Was will man erwarten von einem Autor, der in an Täuschung grenzender Einfältigkeit behauptet, er sei ohne Denominationszugehörigkeit einfach „nur Christ“ (154), der die Nahtoderfahrung eines kleinen Jungen als fast bibelgleiche Autorität nimmt (Kap. 9), auffallend oft Visionen zitiert und uns erzählt, er habe viele Jahre gebraucht zu realisieren, dass der junge Reiche in den Evangelien nicht „in topaktuellen Designer-Gewändern, umgeben von seinen zahlreichen Dienern aus seiner hochmodernen Luxuskarosse ausstieg“ (169)?

Zum Schluss möchte ich mich noch einmal seiner Allegorie, sicherlich das Herzstück seines Buches, zuwenden. Generell sind die Parallelen zur Wirklichkeit sehr offensichtlich – fast schon so offensichtlich, dass die Allegorie von der Realität nur noch durch das dünne Feigenblatt von Pseudonymen getrennt ist. Was aber wirklich aufstößt, ist die hölzerne Art, mit der der ach so herrliche Jalyn richtet (z.B. S. 56). Höhepunkt der unnötigen Härte: „Deine Güte und deine gerechten Taten sind vergessen und werden dir nicht angerechnet.“ (69) Überhaupt hat Bevere ein seltsames Verständnis von Gerechtigkeit; ein eklatantes Beispiel haben wir schon angesprochen, seine Ausführungen sowohl über das Gericht über die Verlorenen als auch über den Richterstuhl Christi verdeutlichen dies weiter. Warum verliert ein Gläubiger alles, wenn er die falsche Berufung ergreift (244)? Was ist mit Charakter- und Tugendentwicklung? Und warum wird „Zaghaft“ aufgrund ihrer mangelnden Vergebungsbereitschaft in die Hölle geschickt, während „Selbstsüchtig“, scheinbar nur aufgrund seiner späten Kompensationszahlungen, in den Himmel kommt (179)? Gerade hier müsste Bevere überzeugen. Tut er aber nicht, und wie kann er auch, mit solch schlampiger theologischer und im weiteren Sinne intellektueller Grundlage? Gerne würde man – ich – einem Autor grundsätzlich so vertrauen, dass man nicht auf jeder Seite in Habacht-Stellung gehen muss. Bei Bevere war dies leider nicht möglich. Ständig musste ich prüfen, was vom Gesagten richtig, oder sinnvoll, oder brauchbar ist. Das macht das Lesen anstrengend.

Und so klebt an diesem Buch der fade Beigeschmack der Manipulation: emotionale Appelle statt Argumentation; Angstmache durch Aufbau von Schreckensszenarien statt sauberer Bibelauslegung. Ich persönlich nehme den Impuls mit, mein Leben bewusst im Lichte der Ewigkeit zu reorganisieren. Das dafür notwendige intellektuelle Haareraufen war groß.

John Bevere, Die Ewigkeit im Herzen, deutsche Übersetzung Adullam Verlag Grasbrunn, 2008


[1] „Tough mudder“ ist eine weltweite Serie von Crossläufen, bei denen es durch verschiedenste Hindernisse geht, u.a. Matsch, Flüsse, Eisbäder und Elektrozäune.

Das missverstandene Konzept der Gesetzlichkeit

„Gesetzlichkeit“ ist ein Ding, das in christlichen Gemeinden herumgeistert wie der Weiße Zauberer durch Rohan. Es wird als bedrohlich, subversiv wahrgenommen; es sei hier und da, sagt man; wie es aber richtig aussieht, weiß man nicht, da es offenbar viele verschiedene Formen annehmen kann. Nur, wenn man nicht genau sagen kann, wie etwas beschaffen ist, wie will man dann wissen, dass man es richtig identifiziert?

Sofern man überhaupt Antworten auf die Frage bekommt, was Gesetzlichkeit ist, sind es Antworten die eher zu anderen Fragen passen. Aber mehr dazu gleich.

Klar ist, wenn man ein Problem nicht richtig fassen kann, oder aber falsch bezeichnet, ist es schwer das Problem zu lösen. Meine These hier ist, dass die tatsächlichen Probleme in Gemeinden mit dem Wort „Gesetzlichkeit“ falsch bezeichnet werden, und dass Gesetzlichkeit richtig verstanden etwas anderes ist, das aber wiederum heutzutage kaum ein Problem darstellt. Ich beginne damit, Gesetzlichkeit richtig zu definieren, und schlage dann einen besseren Begriff für das fälschlicherweise mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnete Problem vor.

Richtig verstandene Gesetzlichkeit

Das Phänomen (allerdings nicht das Wort) der Gesetzlichkeit kommt in der Bibel vor, also sollten wir unser Verständnis darüber auch von dort beziehen. Das, was die Apostel in Apostelgeschichte 15 (und Paulus im Galaterbrief) bekämpfen, ist sicher genau das, wofür wir den Begriff verwenden sollten. Es handelt sich um die Lehre, dass Neubekehrte die jüdischen Gesetze halten müssen, um errettet zu werden (vgl. Apg 15,1). Die Jerusalemer Apostel wiesen diese Lehre entschieden zurück. In dieser Form ist Gesetzlichkeit allerdings heutzutage wohl kaum ein Problem mehr, weil das Christentum schon lange nicht mehr aus einem jüdischen Kontext heraus agiert.

Das, was für gewöhnlich mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnet wird, ist eine Variation des Themas „menschengemachte Vorschriften oder Leitlinien“.

In einem etwas erweiterten Sinn mag es auch Gesetzlichkeit geben, die erstens nicht direkt mit der ewigen Errettung in Verbindung gebracht wird, und zweitens nicht mit den jüdischen Gesetzen. Etwas in dieser Art spricht Paulus z.B. in Kolosser 2,18 an. Allerdings verschwimmt bereits die Grenze zwischen der klar definierten Anforderung, den mosaischen Gesetzeskatalog zu halten, und menschengemachten Vorschriften (Kol 2,22). Zu letzteren kommen wir jetzt.

Keine Gesetzlichkeit, sondern Menschengebote

Das, was für gewöhnlich mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnet wird, ist eine Variation des Themas „menschengemachte Vorschriften oder Leitlinien“. Das mosaische Gesetz war immerhin von Gott gegeben. Aber selbst es stellte nur einen „Schatten der wirklichen Dinge“ (vgl. Hebr 8,5) dar. Die Wirklichkeit, mit der Christen in direktem Kontakt stehen sollten, ist Gott selbst in Christus. Die daraus resultierende Glaubenspraxis ist nicht etwa verwässert (weil nicht mehr auf Gesetzen basierend), sondern im Gegenteil, falls überhaupt, anspruchsvoller. Wobei man hier nicht die Bergpredigt als Beispiel anführen sollte, denn Jesus erweitert nur teilweise tatsächliche mosaische Vorschriften (wie in Mt 5,21-22). Ansonsten kritisiert er menschengemachte Zerrbilder mosaischer Gesetze (z.B. in Mt 5,43ff.). Womit wir den Kreis schließen.

Da nun selbst das Befolgen der (rituellen) mosaischen Gebote im NT ausgesetzt ist, ist es a fortiori problematisch, menschengemachten Gesetzen, Vorschriften oder Leitlinien zu folgen. Ich spreche auch von Vorschriften und (im Grunde viel relevanter) von Leitlinien, weil ein plumpes Gesetz (präsentiert als Gesetz) natürlich kaum einen Christen irreführen würde; so viel Theologie haben wir fast alle intus. Das NT selbst gibt uns einige Beispiele solcher menschengemachten Gesetze:

·      Asketismus (Kol 2,18)

·      Engelsanbetung (Kol 2,18)

·      Besonderes Hören auf Visionen (Kol 2,18)

·      Verbote, Dinge zu berühren, zu schmecken oder zu verwenden (Kol 2,21; 1Tim 4,3)

·      Heiratsverbot (1Tim 4,3)

Ich möchte anhand dieser nicht abschließenden Liste auf ein Merkmal solcher schädlichen Menschengebote hinweisen: Sie haben alle den „Anschein von Weisheit“ (Kol 2,23), da sie an gute Glaubenspraxis angelehnt sind. Angelehnt – nicht mehr. Zum Beispiel ist es eine weit verbreitete Praxis, zum besseren Fokus aufs Gebet und das Hören auf Gott zu fasten. Asketismus nimmt diesen Impetus auf und macht daraus eine allumfassende, drakonische Lehre des dauerhaften Verzichts auf alles, das nicht absolut lebensnotwendig ist. Visionen waren Teil der göttlichen Offenbarung an die Propheten; mit Sicherheit spricht auch heute noch Gott durch sie, aber eine Obsession mit Visionen ist sicher falsch, weil übertrieben. Oder nehmen wir das Verbot zu heiraten: hat nicht Paulus dafür geworben, in Betracht zu ziehen Single zu bleiben (1Kor 7)? Aber niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, das Heiraten zu verbieten oder schlechtzureden.

Man mag einwenden, dies seien eher Probleme der antiken Welt. Wir haben heute keine Gnostiker und Asketen mehr. Stimmt. Aber wir haben russlanddeutsche Gemeinden und Alte Versammlungen. Wir haben das Wohlstandsevangelium und charismatische Auswüchse. Wir haben Kleiderordnungen, Sitzordnungen, die Lehre vom verunreinigten Abendmahl, emotionale Ekstase, Behauptungen wie „Immobilien machen immobil“[1], oder, noch schlimmer, die Idee dass Bildung gefährlich sei.

Sollten wir dieses Phänomen mit „Gesetzlichkeit“ beschreiben? Ich meine, nein. Denn es ist klar verschieden von der Behauptung, man müsse das mosaische Gesetz halten. Man könnte eher von „Para-Gesetzlichkeit“ sprechen. Am besten aber wohl davon, dass es sich bei betreffender Idee um eine rein menschliche (wenn auch an göttliche Prinzipien angelehnte) Idee handelt, die keinerlei bindende Kraft hat. Damit demaskieren wir sie am effektivsten als das, was sie tatsächlich ist. Natürlich erfordert es Unterscheidungsvermögen, solche Menschengebote von göttlichen Weisungen zu differenzieren. Deswegen auch meine starken Bedenken bezüglich jeder anti-intellektuellen Haltung unter Christen. Sie verunmöglicht es, den Geist effektiv für das zu trainieren, was er im christlichen Leben tun soll.

Gesetzlichkeit der alten Schule ist fast nirgendwo mehr ein Problem. Menschengebote dagegen fast überall. Zeit sie als das zu sehen, was sie sind. Und das beginnt damit, sie richtig zu benennen.


[1] Ein Freund berichtete mir von dieser Aussage einer Leiterfigur in seinen Gemeindekreisen.

Bild: siora-photography / unsplash.com

«Barbie» ist noch radikaler

Das Trojanische Pferd im Gerwig-Film ist nicht Feminismus.

Achtung: Spoiler voraus!

Warum „Barbie“ ansehen? Meine Zeit und mein Geld mit einem weiteren feministischen Machwerk zu verschwenden, daran lag mir nichts. (Wobei er gar kein ideologisches Machwerk sein dürfte, ist er doch jedenfalls in Deutschland bereits ab 6 Jahren freigegeben…).

Doch dann stieß ich auf Annie Brownell Crawfords hervorragenden Artikel, in dem sie argumentiert, dass der tiefste Abgrund in „Barbie“ nicht Männerfeindlichkeit ist, sondern ein radikaler Existentialismus. Das ließ mich aufhorchen. Und den Film dann doch ansehen.

Wie feministisch und männerfeindlich ist „Barbie“ wirklich? Stimmt Crawfords Analyse? Und was sagen andere Christen dazu?

Feministisch an der Oberfläche

Oft hört die Kritik, „Barbie“ sei zu woke. Abgesehen davon, dass mir schleierhaft ist, wie man irgendeinen Grad an Wokeness erträglich finden kann, ist Barbie eher klassisch feministisch als woke. Es geht um das Frauenbild, um Frauenrechte, um Matriarchat vs. Patriarchat. Die Indizien sind zunächst einmal klar. In der Eingangssequenz heißt es, die mit Babypuppen spielenden Mädchen sollten mal ihre Mutter fragen warum die anfängliche Freude am Kind irgendwann in Überdruss endet – als deutliches Zeichen dafür zerschmettern die Mädchen ihre Babypuppen, was Crawford sogar als Geste Richtung Abtreibung deutet. Mädchen können alles werden, das ist die Botschaft nicht nur des Intros, sondern des ganzen Films; so endet er auch, aber dazu später mehr.

Zum Feminismus gehört auch Männerfeindlichkeit, und davor strotzt der Film nur so. Ken ist nicht nur „überflüssig“ (O-Ton Barbie), sondern auch ein absoluter Volldepp. Er kann nur „Beach“; nicht einmal Wellenreiten kriegt er hin, und der einzige sinngebende Faktor in seinem Leben ist Barbies Aufmerksamkeit (von der er allerdings bestenfalls Brotkrumen abbekommt). Als sie in der realen Welt sind, setzt sich Barbie zum telepathischen Auffinden eines Mädchens hin (fast schon wie die Jedi in einer Clone Wars-Folge über den Aufenthaltsort der bedrohten machtsensitiven Kinder meditieren), während Ken „nicht nachdenken“ will und lieber plump nach der Bestätigung Ausschau halten geht, die ihm in Barbieland verwehrt blieb. Überhaupt sind die Männer echte Lachfiguren; so sehr, dass einem der Verdacht kommt, die karikative Überziehung trage eine Art Selbstkritik (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Ziemlich ohne doppelten Boden wird jedoch Feminismus gepredigt in der Ansprache von Sashas Mutter vor den „komischen Barbies“. Bei näherem Betrachten jedoch sind die dort beklagten Schwierigkeiten nicht spezifisch weiblich, sondern betreffen auch viele Männer in der heutigen westlichen Welt, wie Ryan Mullins in seinem Podcast herausstellt. Ich möchte hinzufügen, dass mindestens ein Teil jener Probleme – nicht nur für Frauen, sondern indirekt auch für Männer – durch den Feminismus verursacht wurden. Wer sagt denn, dass Frauen neben dem Muttersein auch noch Karriere machen müssen, wenn nicht Feministinnen?

Smarte Narrativ-Kritik?

Wie schon angedeutet, mag aber unter der allzu offensichtlichen Oberfläche eine smarte Kritik selbst des Feminismus-Narrativs stattfinden. Mullins z.B. weist darauf hin, dass Ken, entgegen seiner Erwartung, nicht einfach einen Job bekommt weil er ein Mann ist; er bräuchte eine geeignete Qualifikation, deren Berechtigung er allerdings mehrfach genervt in Frage stellt. Für mich ist somit nicht ganz klar, ob hier augenzwinkernd die Mär vom Vetternwirtschafts-Patriarchat auf die Schippe genommen wird, oder eben doch Männerbashing stattfindet. Immerhin gibt es ja die Männer, die ihre Jobs aufgrund erworbener Kompetenz haben. Ken ist somit wohl ein Archetyp einer Art idiotischer Männlichkeit, die es wohl leider gibt.

Eine relativ deutliche Kritik jedenfalls der feministischen Botschaft der Barbiepuppen liefert die Teenagerin Sasha. Barbies haben die Situation von Mädchen und Frauen nicht verbessert, sondern sogar schlimmer gemacht, sagt sie. Das Barbie-Schönheitsideal sei unerreichbar und sorge für Selbstabwertung. Das gehe so weit, dass nicht nur Männer, sondern sogar Frauen „Frauen hassen“. Es braucht kaum betont zu werden, dass dies wiederum eine lachhafte Übertreibung darstellt. Haben wir hier eine Narrativ-Selbstkritik durch Überziehung? Möglich. Ich frage mich nur, was am Ende bei den Kinobesucherinnen – und -besuchern – hängen bleibt. Aber dazu gleich mehr.

Noch ein letzter Hinweis auf feministische Selbstironie: die Barbies in Barbieland fallen dem chauvinistischen Machotum der bekehrten Kens mit lächerlicher Leichtigkeit zum Opfer. Sie identifizieren sich sogar mit ihrer neuen Rolle als Dummchen, Dienerin und „unverbindliche Fernbeziehung“. (Interessanterweise werden sie, anders als Barbie in der realen Welt, nie zum Sexobjekt degradiert). Der einzige Weg, sie von ihrer „Gehirnwäsche“ zu befreien, besteht dann darin, ihnen einen Crashkurs in kritischer Sozialtheorie zu verpassen. Wäre das ein akkurates Bild von Frauen, hieße es ja, dass diese nur dann so etwas wie Selbstbewusstsein entwickeln können, wenn man ihnen eine Ideologie injiziert – was die Frage aufwirft, wer denn nun wem die Gehirnwäsche verpasst.

Radikal existentialistisch in der Tiefe?

Nun, der Feminismus mag im Film ambivalent gewertet werden. Deshalb ist es, wie Crawford in ihrem Artikel argumentiert, entscheidend auf dessen Ende zu blicken. Das Ende enthüllt wie der im Verlauf der Geschichte gesponnene Konflikt aufgelöst wird. Hier hätte „Barbie“ einiges richtig machen und gleichzeitig die Unschärfe bezüglich Feminismus kollabieren können. Stattdessen endet der Film mit der Botschaft, mit der er angefangen hat, nur in einer radikaleren Version: du kannst werden, was du willst. Barbie wird von ihrer Erschafferin Ruth Handler gefragt, wie sie weitermachen möchte. Sie hat die Wahl, eine Puppe zu bleiben, oder aber eine echte Frau zu werden. Barbie entgegnet, dass sie nun jemand sein möchte, der erschafft, und nicht erschaffen wird; eine Schöpferin, statt ein Geschöpf.

Radikaler ist die Botschaft deshalb weil, während dieses Mantra am Anfang in Bezug auf Berufe und Berufungen ausgesprochen wird, dies nun für Identität in ihrer Ganzheit gilt; und weil nun nicht mehr nur Mädchen und Frauen, sondern auch Männer angesprochen werden. Ken wird gesagt, er solle sich nicht über eine Beziehung mit Barbie identifizieren, sondern völlig unabhängig von ihr (und offenbar auch von anderen Frauen oder Männern, denn die werden nicht als Alternative genannt) sein wahres Ich finden.

Das mag zunächst gar nicht so übel klingen. Ist es nicht tatsächlich ungesund, sein Glück in anderen Menschen zu suchen? Das stimmt schon, nur fürchte ich dass die Botschaft von „Barbie“ viel weiter geht. Die christliche Sicht betont dass, auch wenn wir unser ultimatives Glück nur in Gott und nicht in Menschen finden, zwischenmenschliche Beziehungen ein essenzieller Bestandteil unserer Existenz, und teilweise auch unserer Identität sind. Geschlechter sind es in jedem Fall (ja, auch in der Ewigkeit[1]!), und gewiss auch Geschlechterrollen, sofern sie intrinsisch mit dem Geschlecht verbunden sind (z.B. Mutterschaft und Vaterschaft). „Barbie“ predigt eine Selbstverwirklichung ohne Beziehungen, und damit ohne Liebe, wie Crawford scharfsinnig herausstellt. Barbies Philosophie ist somit eine Art Existenzialismus, deren Slogan l’existence précède l’essence (Sartrte) ist. Existenz geht der Essenz voraus. Man existiert zuerst (als eine Art weißes Blatt) und schreibt dann darauf seine Essenz, welche nicht von außen gegeben, sondern eben selbst erschaffen ist. Damit ist der Existenzialismus in krasser Opposition zum christlichen Weltbild.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die allerletzte Szene eine ist, in der sich Barbie beim Gynäkologen anmeldet (bedeutsam, da sie vor ihrer Menschwerdung keine Vagina hat). Das könnte ein Weg hinaus in die Natur der Essenzen sein. Aber diese, wiederum ambivalente Andeutung (Gerwig liebt offenbar Ambivalenzen) reicht nicht, um den Film zu „erlösen“.s

Sein Existenzialismus ist die perfideste Botschaft von „Barbie“. Während man sich über seine Darstellung von Frauen und Männern streiten kann, liegt hier ein so universeller, so lebensumspannender Gegenentwurf zum jüdisch-christlichen Weltbild (das das Abendland mehr als anderthalb Jahrtausende lang geprägt hat), dass Fragen der Ideologie dagegen wie Teenager-Streitigkeiten erscheinen. Um es deutlich zu machen: dieser radikale[2] Existenzialismus predigt eine Welt ohne Liebe, weil Liebe nur in Beziehungen funktioniert.

Ich muss zugeben, dass dieser Blick in die Tiefe nicht leicht zu bewerkstelligen ist. Ohne Crawfords Hilfe hätte ich ihn nicht, oder nicht sofort hinbekommen. Wie sehen anderen christliche Medien die Sache?

Andere christliche Reaktionen auf „Barbie“

Christliche Medien im deutschsprachigen Raum sehen im Großen und Ganzen: nichts, worüber es sich zu schreiben lohnt. Ich konnte per Websuche nur diesen Artikel von livenet.ch sowie diese Videobotschaft einer Toggenburger Gemeinde finden. Der Artikel ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung der Aussagen von „Barbie“-Regisseurin Greta Gerwig über ihren eigenen Film und eines Artikels von Tola Doll Fisher, der lediglich beobachtet, dass Barbie auf ihrer Suche kurz vor Jesus Halt macht, und dass die Ansprache von America Ferreira (Sashas Mutter) von Jesus wohl begrüßt worden wäre. Die Videobotschaft wiederum stellt sich vor, was Jesus zu Barbie sagen würde: dass sie schön und geliebt und gewollt ist.

Es liegt mir fern, insbesondere den Inhalt der Videobotschaft in Frage zu stellen. Tatsächlich würde Barbies Sinnsuche ein erfülltes Ende finden, wenn sie diese Wahrheiten verinnerlichte. Dennoch bleibt die Frage, ob das alles ist, was Christen derzeit an intellektuellen Antworten auf so offensichtlich kulturprägende Faktoren wie „Barbie“ zu entgegnen haben.

Der Eindruck, der bleibt

Barbie ist ein intelligenter und handwerklich hervorragend gemachter Film. (Die Lacher, die Ryan Mullins während des Guckens hatte, blieben mir im Hals stecken, aber das mag persönlichkeitsbedingt sein). Aber hohe Qualität ist noch kein Garant für Tugend.

Seine Feminismuskritik mag subtil vorhanden sein; sein Existenzialismus ist es nicht. Letzterer wird wohl nur von geschulten Philosophen erkannt und nur von solchen, die noch nicht durch ihn verdorben worden sind, abgelehnt werden; alle anderen werden ihn aufnehmen wie ein Trojanisches Pferd. Erstere wird nach meiner Einschätzung an den allermeisten Kinobesuchern spurlos vorübergehen. Was den meisten bleiben wird, ist ein spaßiges Männerbashing mit einer guten Prise weiblicher Rache- und Intrigefantasien. Nicht gerade das, was man einen pädagogisch wertvollen Film nennen kann.


[1] Man sollte Jesu Aussage, dass die Heiligen im Himmel nicht mehr heiraten (Matthäus 22,30) nicht so verstehen, dass es dort keine Geschlechter mehr gibt. Dafür gibt es keinerlei Belege. Wer Schwierigkeiten hat, sich bei himmlischen Wesen Geschlechtlichkeit vorzustellen, der möge C.S. Lewis‘ Perelandra lesen, wo in meisterhafter Manier Engeln Geschlechtlichkeit zugeschrieben wird, wiewohl in anderer Manifestation als wir es bei Menschen gewöhnt sind.

[2] Ich spreche hier bewusst von einer radikalen Form des Existenzialismus. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Urväter des Existenzialismus (Sartre, Camus, Heidegger) sich angesichts von „Barbie“ die Augen vor Verwunderung gerieben hätten. Oder sich im Grab umdrehen würden.

Bild: imbd.com

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