Buchrezension «Großer Himmel – Kleine Hölle?»

Seit kurzem bin ich Teil eines christlichen Männer-„Buchklubs“. Durch ihn gerate ich an Bücher, die ich sonst nie lesen würde.

Von vornherein habe ich dem Gruppenleiter gesagt: „Ich unterziehe christliche Bücher einer besonders sorgfältigen und kritischen Untersuchung.“ (Der Grund ist, dass solche Werke dazu tendieren, auf den ernsthaften christlichen Leser einen nicht zu unterschätzenden Einfluss zu haben). Das habe ich auch mit Jens Kaldeweys Großer Himmel – Kleine Hölle? gemacht. Und nun, warum sollte ich mein so entstandenes Urteil für mich behalten?

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Das Wichtigste gleich vorab: Kaldeweys Buch ist eines, das ich nicht bereue gelesen zu haben. Es ist auch so schon ein wertvoller Beitrag zu der intellektuell wie pastoral hochbrisanten Thematik rund um das ewige Schicksal von Menschen. Es hätte sogar ein richtiges Schwergewicht werden können, hätte der Autor sein eigenes Ziel mit dem Buch besser durchdacht und seiner Argumentation mehr Schneid verpasst. Aber zunächst einmal dazu, warum das Buch überhaupt entstanden ist.

Motivation

Kaldewey schreibt, die traditionelle Höllenlehre (dass die Verlorenen ewig in der Hölle existieren und leiden) ihm mit der Zeit „schrecklich“ – aber wohlgemerkt nicht unwahr – geworden sei (S. 13). Begegnungen mit der Ambivalenz menschlicher Charaktere haben dazu beigetragen: Abgrundtief Böse gebe es selten, meist seien die Personen Amalgame aus guten und schlechten Motiven. Ein weiterer Faktor, die traditionelle Höllenlehre anzuzweifeln, war Kaldeweys Doppelfunktion als Prediger und Seelsorger. Durch die Begleitung von Menschen, die gemäß der traditionellen Lehre auf ewig in der Hölle leiden würden, würde ihm die Hölle auf einmal sehr „persönlich“.

Mit seinem Buch möchte Kaldewey nach eigenen Angaben zur „Enttabuisierung“ der Hölle beitragen, und gleichzeitig neue Denkmöglichkeiten in Bezug auf Himmel und Hölle eröffnen.

Hauptthesen

Kaldewey vertritt drei Hauptthesen, gemäß den drei Hauptteilen seines Buches.

·      Bezüglich Gericht (Teil I): Gott richtet gerecht und barmherzig, unter Berücksichtigung aller Faktoren.

·      Bezüglich Hölle (Teil II): Eine ewige Hölle ist unerträglich, Allversöhnung nicht haltbar, und die Annihilationsthese (dass die Existenz von Menschen nach einer Zeit in der Hölle einfach ausgelöscht wird) immerhin verteidigbar.

·      Bezüglich Himmel (Teil III): Im Himmel gibt es eine „Zweiklassengesellschaft“: die Heiligen, welche in der Stadt Gottes (dem Neuen Jerusalem) wohnen, und die Nationen, welche außerhalb Stadt leben.

Inhaltlicher Kurzabriss

In Teil I geht Kaldewey darauf ein, unter welchen Kriterien das Gericht Gottes stattfinden wird. Sein Hauptanker ist dabei der Charakter des Richters, als dessen maßgebliche Eigenschaft er Barmherzigkeit ansieht. Sein Projekt ist es, dem Begriff „Gericht“ den Schrecken zu nehmen, der zu einem fast schon reflexartigen Zusammenzucken führt bei denen, die davon hören. Der Hauptpunkt ist, dass ein Gericht, oder genauer eine Gerichtsverhandlung verschiedene Ausgänge haben kann: man kann schuldig oder frei gesprochen werden; man kann Recht bekommen oder nicht. Kaldewey ist der Überzeugung, dass das Gericht Gottes einen rektifizierenden Charakter hat (diesen Begriff verwendet er allerdings nicht selbst, es ist eine Umschreibung von mir): Es wird dafür sorgen, dass Dinge wieder in Ordnung kommen. An einer Stelle vergleicht er das Gericht sogar mit seinem hauseigenen Familienrat.

Ferner zählt Kaldewey eine ganze Reihe Kriterien auf (belegt durch Bibelstellen), anhand derer Gott sein Urteil über Menschenleben fällen wird.

Teil II ist der sicher brisanteste, hier geht es um die Hölle. Wie schon erwähnt ficht Kaldewey die traditionelle Sicht an; allerdings weniger dadurch, dass er Argumente gegen sie bringt (das einzige „Argument“ ist sein tiefes Unbehagen), sondern dadurch dass er alternative Sichtweisen untersucht. (Kaldewey macht diese Vorgehensweise übrigens absolut transparent). Die zwei Alternativen sind die Allversöhnungslehre, gemäß der am Ende alle Menschen in den Himmel kommen (selbst wenn sie für eine gewisse Zeit eine Läuterung in der Hölle oder einem ähnlichen Ort durchleiden müssen), und die Annihilationslehre, die behauptet dass verlorene Seelen nach einer gewissen Zeit der Bestrafung in der Hölle schlicht „annihiliert“ – vernichtet – werden. Die Allversöhungslehre verwirft Kaldewey aus Mangel an biblischen Belegen; für die Annihilationsthese findet er zwar Unterstützung aus der Schrift, kann aber die Verse nicht entkräften, die scheinbar eindeutig von einem endlosen Leiden in der Hölle berichten (z.B. Offenbarung 20,10).

In Teil III schließlich erklärt der Autor seine Sicht vom Himmel. Genauer gesagt ist seine These, dass es viel mehr Menschen dort geben wird als traditionell angenommen. Laut Kaldewey gibt es zwei „Zonen“ im Himmel, der eigentlich eine neue Schöpfung (neuer Himmel und neue Erde, Offb 21,5) ist: Das Neue Jerusalem, deren Bewohner Gott besonders nah sind, und die restliche neue Erde, wo die „Nationen“ leben. Tatsächlich entspricht das der Schilderung im letzten Teil der Offenbarung, aber Kaldewey zitiert auch Stellen aus anderen Teilen des Neuen Testaments, um seiner Sichtweise noch mehr Plausibilität zu verleihen. Insbesondere hebt er auf die von Christus mehrfach verwendete Unterscheidung von „Berufenen“ und „Auserwählten“ ab; nur die Auserwählten landen am Ende im Neuen Jerusalem. Er versucht dadurch seinem eingangs beschriebenen Unbehagen Rechnung zu tragen, dass Menschen, die zwar formal nicht an Jesus glauben, aber dennoch klare Zeichen göttlicher Tugenden (z.B. Barmherzigkeit) tragen, nur deshalb in die Hölle kommen sollen, weil sie den historischen Inhalt des Evangeliums nicht geglaubt haben.[1]

Stärken des Buchs

Eine große Stärke von Kaldeweys Buch ist, dass es mit einem pastoralen Herzen geschrieben wurde. Eine andere ist, dass seine Argumentation beizeiten überzeugend ist. Ebenso schafft Kaldewey es tatsächlich, den Horizont zu erweitern, indem er der Randposition des Annihilationismus (über die zumindest ich nie wirklich nachgedacht hatte) glaubhaften intellektuellen Support verschafft.

Was genau verleiht dem Buch Überzeugungskraft? Ich sehe die Ursache in einer Mischung aus sorgfältiger Bibelanalyse und Einsicht in die Natur des Menschen. Ich will ein paar Beispiele zunächst für Letzteres und dann für Ersteres nennen.

Da ist zum Beispiel die Einsicht, dass Gewalt „nicht an sich böse“ ist (43). Gott kann sie also durchaus in einem gerechten Gericht einsetzen. Oder das Verständnis dafür, dass die „Absichten der Herzen“ eine zentrale Rolle für die Bewertung menschlicher Handlungen haben (61) – eine zwar nicht universell geteilte, aber dennoch philosophisch überzeugende Position, die auch biblischen Support erhält (vgl. die Unterscheidung zwischen unabsichtlichem und absichtlichem Töten eines Menschen in 4Mo 35,15-16). In die gleiche Kerbe schlägt seine Behauptung, dass der „Grad unseres Wissens“ (101) das Urteil über uns wesentlich beeinflusst. Als besonders spannend empfand ich Kaldeweys Aussage: „Wer barmherzig ist, hat sich bereits auf Gott eingestellt.“ (97). Eine ähnliche Intuition hatte ich schon lange, und wiederum gibt es auch dafür einen biblischen Beleg (Kornelius in Apg 9/10). Wiederum wird hier die Frage aufgeworfen, wie die Gottesbeziehung von jemandem zu bewerten ist, der keinen oder nur einen schemenhaften belief (siehe Fußnote) an Gott hat. Die Idee, dass jemand, der mit dem wenigen Wissen, das er hat, doch das existenziell und moralisch Richtige tut, zumindest ein Teilhaber der in der neuen Schöpfung angesiedelten Nationen ist, ist attraktiv, und offenbar auch gut begründbar. Und dann erschien mir noch seine Behauptung, dass es Böses gibt, das „nicht therapiert werden will“ (245), eine wenig betrachtete und doch plausible Erkenntnis darzustellen. C.S. Lewis behandelt dieses Thema psychologisch scharfsinnig in The Great Divorce, wo den Höllenbewohner ein Besuch im Himmel gestattet wird; (fast) alle jedoch wollen danach wieder zurück in die Hölle. Möglicherweise liegt sogar eine Lösung des Höllendilemmas. Selbst wenn die Hölle ewig ist, haben ihre Insassen sie in ihrem Hass auf Gott möglicherweise selbst gewählt. (Dagegen spricht allerdings Lukas 16,26).

Auf der exegetischen Seite eröffnet Kaldeweys Auffassung der „Berufenen-Auserwählten“-Unterscheidung neue Denkansätze. Seiner Ansicht nach sind die lediglich Berufenen keine Höllenkandidaten, auch wenn sie am Ende Gott nicht so nahe sind wie die Erwählten. Diese Sicht der Dinge ist im Einklang mit seiner Auslegung von Matthäus 7,13-14, gemäß das „Verderben“ des breiten Wegs nicht notwendigerweise ein ewiges Verderben ist. Wo wir schon beim Thema sind: Kaldeweys Argumentation für die Annihilationslehre rührt hauptsächlich von zwei Wortstudien her, einmal zum Wort „ewig“ und einmal zum Wort „Verderben“. Er kann dabei zeigen, dass „ewig“ nicht immer im Sinne einer nie endenden Dauer verstanden wird, und „Verderben“ auch durchaus die Konnotation einer „Annihilation“ annehmen kann.

Schwächen des Buchs

Eine Sache, die mich beim Lesen von Großer Himmel – Kleine Hölle? immer wieder gestört hat ist Kaldeweys nicht selten unreflektierte Verwendung von Annahmen, Vergleichen oder Analogien. In jedem dieser Fälle wäre eine Begründung oder Abwägung nötig gewesen.

Zum Beispiel behauptet er, Christus sei auch im Gericht der Mittler zwischen Gott und Menschen (33)[2]. Aber es ist überhaupt nicht klar, dass Christus dies auch im Gericht ist. Unbestritten ist nur, dass er Mittler für all diejenigen ist, die mit ihren Sünden zu Ihm kommen (vgl. 1 Tim 2,4-5; Hebr 8,5-6). Überhaupt erinnert seine Zuversicht in Bezug auf den Ablauf des göttlichen Gerichts („Das wird auch im Gericht Gottes so sein“, 37; „Wir dürfen fest damit rechnen“, 41, „Ein großer Teil der Verhandlungen wird versöhnlich sein“, 53) seltsam an Wunschdenken, weil ihr die Argumente fehlen – die biblisch begründbare „default position“ ist ja, dass alle Menschen Sünder sind und selbst „unsere Gerechtigkeiten wie ein beflecktes Kleid“ sind (Jes 64,6). Wer also behauptet, das Gericht Gottes habe den Charakter eines „Familienrats“ (Kaldeweys Analogie auf S. 48 ff.) auch für solche, auf die Johannes 5,24 nicht anwendbar ist, der muss Argumente liefern.

Ein weiterer großer Punkt, der mich oft vor den Kopf stieß, ist Kaldeweys Ignoranz seit langem geführter Debatten in der christlichen Theologie und Philosophie. So wischt er den Strafaspekt von Jesu Tod mit einer Handbewegung vom Tisch (49), basierend lediglich auf den Aussagen des umstrittenen Prof. Zimmers zu einem hebräischen Wort (musar in Jes 53,5). Selbst wenn Zimmer in diesem Fall Recht hat, ist dies noch lange keine ausreichende Datenbasis um die Absenz des Konzepts der Strafe im Alten Testament zu belegen. Auch, dass er seine Erkenntnisse über die Nationen in der neuen Schöpfung als „wenig bekannten Ansatz“ bezeichnet, mutet seltsam an. Meine ESV Study Bible erwähnt ihn im Kommentar zur Offenbarung jedenfalls oft. Und dann wäre da noch seine Anmerkung, das Neue Testament kenne „so gut wie keine Diskussion“ (310) über das Thema Zwischenzustand[3] (abgesehen von Lk 16,19-31). Tatsächlich? Was ist dann mit Mt 22,31-32 (plus Parallelstellen in Lukas und Markus), 2 Kor 5,1-4, Offb 6,9 und 20,4? Und mit den lebendigen Diskussion von Theologen und Philosophen im angelsächsischen Raum (z.B. Cooper 1989; Green and Turner 2000; Van Inwagen 2018; Loose 2018)? Von all dem ist keine Rede, stattdessen bedient Kaldewey das halbgare Stereotyp, der Leib-Seele-Dualismus sei „von der griechischen Philosophie geprägte Theologie“ (309).

Vielleicht hätte Kaldewey hier leiser treten, aber für seine „Punchline“ löwenhafter auftreten sollen. Wie schon gesagt, hat insbesondere seine „Himmelsthese“ viel biblischen Support; aber die Annihilationslehre, wenn sie denn ein ernsthafter Kandidat für die Wahrheit ist, hätte mehr argumentativen Biss verdient. Denn was nützt es, wenn eine These nur seelische Linderung verschafft, aber keiner Wahrheitsprüfung standhält? Dann fehlt ihr am Ende jede Heilkraft, denn unsere Gefühle können nicht lange im Widerspruch zu unseren intellektuellen Überzeugungen stehen. Und so bringt es wenig, wenn Kaldewey nur die Beweisbarkeit der traditionellen Höllenposition infrage stellt. Welche Position akzeptiert er denn als „beweisbar“? Mit welchem Beweisbarkeitsbegriff arbeitet er hier überhaupt?[4] Als Leser hätte ich mir gewünscht, eine Verteidigung des Annihilationismus zumindest versucht zu sehen – und für den Fall, dass er der traditionellen Lehre nicht das Wasser reichen kann, ein Eingeständnis dessen, dass es trotz ihres Schreckens kein Vorbeikommen an der ewigen Hölle gibt.

Fazit

Großer Himmel – Kleine Hölle? ist es wert gelesen zu werden. Wer sich mit Alternativpositionen zu Himmel und Hölle noch nicht auseinandergesetzt hat, dessen Denkhorizont wird definitiv erweitert. Für eine solide Verteidigung von Kaldeweys Sichtweisen (v.a. des Annihilationismus) ist das Buch argumentativ zu halbherzig.

Bibliographie

Cooper, John W. 1989. Life Everlasting: Biblical Anthropology and the Monism-Dualism Debate. Grand Rapids: Eerdmans.

Green, Joel B, and Max Turner. 2000. Between Two Horizons: Spanning New Testament Studies and Systematic Theology. Wm. B. Eerdmans Publishing.

Kaldewey, J. (2021): Großer Himmel – Kleine Hölle?, SCM R. Brockhaus

Loose, Jonathan J. 2018. “Materialism Most Miserable: The Prospects for Dualist and Physicalist Accounts of Resurrection.” The Blackwell Companion to Substance Dualism, 469–87.

Van Inwagen, Peter. 2018. “I Look for the Resurrection of the Dead and the Life of the World to Come.” The Blackwell Companion to Substance Dualism, 488–500.


[1] An dieser Stelle ist eine Unterscheidung von „glauben“ gemäß dem englischen belief und faith hilfreich. Kaldewey geht es darum, dass solche Menschen belief an den Inhalt des Evangeliums mangeln. Sie mögen dennoch, wenn auch in in direkter Weise, faith haben.

[2] Auf S. 34 verwendet er die m.E. noch unpassendere Metapher des Rechtsanwalts. Ein RA ist ja nun wirklich kein Vermittler, sondern Verteidiger)

[3] Gemeint ist ein Zustand der menschlichen Person nach dem Tod und vor der Auferstehung.

[4] Ich denke schon, dass es so etwas wie Beweisbarkeit biblischer Lehren gibt. Zum Beispiel per gesamtbiblischem Zeugnis: Wenn eine Lehre oft genug, und über die gesamte Schrift verteilt vorkommt, dann kann man sie als bewiesen akzeptieren.

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