Warum Kultur für Christen unverzichtbar ist

C.S. Lewis› Essay «Christentum und Kultur» neu betrachtet

«An diesem Punkt kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn nicht nur moderne säkulare Menschen, sondern auch moderne Christen diesen Nutzen der Kultur nötig hätten? Weil sie eine helfende Hand brauchen, um aus ihrer kleinen, nahezu fensterlosen Höhle auszubrechen?»

In seinem Essay «Christentum und Kultur»1 denkt C.S. Lewis über die Bedeutung der Kultur für Christen nach, wobei er unter Kultur «intellektuelle und ästhetische Aktivitäten» versteht. Ausgehend von einer relativ nüchternen Sicht darauf, was Kultur für Christen bedeutet (nämlich hauptsächlich eine Quelle des Lebensunterhalts und des Vergnügens), hebt er am Ende ihre Rolle als Wegbereiter für das christliche Evangelium hervor. Ich nehme Lewis’ Ansatz als Ausgangspunkt, um drei Wege aufzuzeigen, wie Kultur auch für Christen unverzichtbar ist.

Kultur als Lehrmeister und Ausweg aus einem kleinen, fensterlosen Universum

Lewis ist der Ansicht, dass die Kultur für Ungläubige ein «Zuchtmeister» (“schoolmaster”) sein kann, um sie zum Glauben zu bringen: Indem sie Menschen mit den besten «sub-christlichen» Werten konfrontiert, kann sie deren Durst nach den höheren, christlichen Werten wecken: «Für den Menschen, der von unten kommt, kann das Ideal des Rittertums ein Lehrmeister für das Ideal des Märtyrertums sein.” 2 Aber zweitens kann die Kultur die Selbstgefälligkeit des modernen Menschen durchbrechen, der in der Enge seiner entzauberten Weltanschauung gefangen ist:

“Die Schwierigkeit, einen ungebildeten Menschen zu bekehren, liegt heutzutage in seiner Selbstgefälligkeit. Die populäre Wissenschaft, die Konventionen oder ‹Unkonventionen› seines unmittelbaren Umfelds, Parteiprogramme usw. schließen ihn in ein winziges, fensterloses Universum ein, das er für das einzig mögliche hält. Es gibt keine fernen Horizonte, keine Geheimnisse. Er glaubt, dass alles schon geregelt ist. Ein kultivierter Mensch hingegen ist sich fast zwangsläufig darüber im Klaren, dass die Realität sehr seltsam ist und dass die ultimative Wahrheit, was auch immer sie sein mag, die Merkmale der Fremdheit aufweisen muss – etwas sein muss, das dem Unkultivierten fern und fantastisch erscheinen würde. Damit sind einige Hindernisse für den Glauben bereits aus dem Weg geräumt.”

C.S. Lewis

Dies steht im Einklang mit dem biblischen Bericht: In seiner Botschaft an die Athener in Apostelgeschichte 17 zieht der Apostel Paulus die Kultur der Griechen, für die Darstellung des Evangeliums heran: Z.B. ihre Vorstellung von einem «unbekannten Gott» oder die Erkenntnis eines griechischen Dichters, dass wir alle in Gott «leben und unser Sein haben». Die alten Griechen glaubten jedoch an ein «verzaubertes» Universum und hatten ein echtes Schuldbewusstsein, wie Lewis an mehreren Stellen in anderen Aufsätzen darlegt. Wenn also die Kultur jenen Menschen geholfen hat, die empfänglicher für das Evangelium waren als heutige Menschen, dann brauchen erst recht (post-)moderne, naturalistisch geprägte Menschen eine kulturelle «Starthilfe».

An diesem Punkt kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn heutzutage nicht nur säkulare Menschen, sondern auch Christen diesen Nutzen von Kultur nötig hätten? Weil sie eine helfende Hand brauchen, um aus ihrer kleinen, nahezu fensterlosen Höhle auszubrechen? Auf den ersten Blick mag dies absurd erscheinen. Schließlich glauben Christen an das Übernatürliche; wie könnten sie da in einem «winzigen fensterlosen Universum» vegetieren? Aber selbst der Glaube an das Übernatürliche kann zu einer Ideologie werden, zu einer bloßen Behauptung, die keinen substanziellen Bezug zur Realität hat. Ist das in christlichen Kirchen nicht oft der Fall? Und ja, ich meine nicht nur «tote» Kirchen mit territorialer Mitgliedschaft, sondern auch freie protestantische Kirchen, bei denen die Mitgliedschaft eine Frage der persönlichen Entscheidung ist.

Sie werden vielleicht entgegnen: «Aber abgesehen von all ihren Unterschieden in Bezug auf Wunder und das Wirken des Heiligen Geistes haben diese Kirchen alle den Glauben an die Wirksamkeit des Gebets gemeinsam.» Schön und gut. Und doch, bedenken Sie, wie Lewis den modernen Menschen charakterisiert: «Es gibt keine fernen Horizonte, keine Geheimnisse. Er glaubt, dass alles schon geklärt ist.» Ist das nicht die implizite (sicherlich nicht die explizite) Haltung großer Teile des evangelikalen Christentums heutzutage? Um es mit einem Slogan zu sagen: Wenn «die Antwort auf jede Frage ‹Jesus› ist», wie ist das Christentum in dieser Hinsicht nicht einfach eine weitere durch und durch moderne, wenn auch religiöse Bewegung?

Ich habe die ersten Jahre meines christlichen Lebens in einigen Brüder-artigen Gemeinden verbracht, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen eine solche «Alles ist schon geklärt»-Mentalität hatten. Das hat mir nicht gut getan. Was mir jedoch half, zu wachsen, war Kultur: nicht zuletzt in Form der Bücher von Lewis. Ja, diese Bücher haben mir ungeheur viel Freude bereitet, aber ich wage zu behaupten, dass sie mich auch zu einem besseren Menschen gemacht haben. Lieber Jack, vielleicht hast du den Wert einer guten, christlich inspirierten Kultur unterschätzt!

Den Spielraum nutzen

Es gibt noch eine zweite Art und Weise wie Kultur für Christen von enormer Bedeutung ist.

Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor. Es findet auf einem Feld statt, das Linien hat, die die Grenzen markieren, innerhalb derer gespielt werden darf. Natürlich ist es für jeden Fußballspieler wichtig, diese Linien zu kennen und sie zu respektieren. Aber natürlich geben sie ihm nur die allerrudimentärsten Informationen darüber, wie man gut Fußball spielt. Fußball finden zwischen den Linien statt. Und wie man das gestaltet, muss auf andere Weise als bloßes Befolgen der Regeln herausgefunden werden: im Wesentlichen durch eine Kombination von externen (die Anweisungen des Trainers oder ihre gegenseitige Kommunikation) und internen (der Instinkt und das Talent jedes einzelnen Spielers) Faktoren.

Ich sehe die biblischen Gebote in etwa so: Sie bilden den Rahmen dafür, wie man ein gutes Leben führt. Wie man diesen Rahmen mit Leben füllt, muss man auf andere Weise entdecken, natürlich unter Beachtung der Grenzen des Rahmens. Ein Spielzug im Fußball, bei dem ein Spieler im Abseits wartet, um den Ball zu erhalten und ihn dann nacheinander in den Sechzehnmeterraum flankt, wäre zu nichts gut. Ich glaube, das Versäumnis, die Rolle der Schrift im Glaubensleben auf diese Weise zu begreifen, ist ein Übel, das viele Kirchen heimsucht, die der Bibel eine zentrale Rolle für das kirchliche Leben zuschreiben (ein per se lobenswerter Ansatz).

Die gerade beschriebene Herangehensweise an die Schrift kann erklären, warum Lewis› Beobachtung, das Neue Testament sei «kalt» gegenüber der Kultur, einem hohen Wert der Kultur für Christen nicht im Wege stehen muss. Es ist «kalt», weil es davon ausgeht, dass die Menschen ohnehin kulturellen Aktivitäten nachgehen, und es kommentiert diese nur insoweit, als sie das geistliche Wachstum bedrohen (man denke nur an die Mahnungen des Paulus bezüglich «Philosophie» in Kolosser 2).

Kein kulturfreier Raum

Ein letzter Grund, warum Kultur für Christen unverzichtbar ist, ist, dass es keinen kulturfreien Raum gibt. Wo immer Menschen zusammenleben, wird eine Art von Kultur – intellektuelle und ästhetische Aktivität – entstehen, auch in Kirchen. Die Frage ist nur, ob es eine Kultur ist, die dem geistigen und moralischen Wachstum förderlich oder abträglich ist.

Christen erweisen sich selbst einen Bärendienst, wenn sie leugnen, dass Kirchen in irgendeinem Sinne eine «Kultur» haben, die mit der säkularen Kultur vergleichbar ist. Kultur im Sinne von Lewis – «intellektuelle und ästhetische Aktivität» – findet unbestreitbar auch in Kirchen statt, wobei der Schwerpunkt manchmal mehr auf dem ersten und manchmal mehr auf dem zweiten Aspekt liegt. Aber eine Kultur, die als nicht existent deklariert wird, ist einer Prüfung nicht zugänglich, denn es ist offensichtlich sinnlos, eine nicht existierende Sache zu prüfen. Das Ding, das fälschlicherweise als nicht existent deklariert wird, entfaltet jedoch trotzdem seine Wirkung, wenn auch unbemerkt. Kultur ist etwas, das die Menschen umgibt wie die Luft zum Atmen, und so nehmen sie sie auf Schritt und Tritt auf, und sie prägt ihr Wesen.

Das Ignorieren der Kultur ist besonders für Christen schädlich. Und zwar aus folgendem Grund: Christen neigen dazu zu glauben, dass alles, was in der Kirche geschieht, irgendwie von Gott bewirkt wird. Ein kurzer Moment des Nachdenkens zeigt, dass das nicht der Fall ist. Aber um zu unterscheiden, was von Gott kommt und was nur «Lehren von Menschen» sind, muss man zunächst eine Vorstellung davon haben, dass es so etwas wie eine kohärente geistig-ästhetische Welt gibt, die von Menschen in der Kirche geschaffen wurde. Ohne diese grundlegende Erkenntnis kann kein Christ jemals zwischen lediglich kulturellen und tatsächlich geistlichen (vom Heiligen Geist oder der Bibel inspirierten) Einflüssen unterscheiden. Die Folge ist Verwirrung: Manchmal wird die menschliche Kultur (z.B. Traditionen) für göttlich inspiriert gehalten, und manchmal wird Gottes Wort zur rein menschlichen Meinung degradiert.

Ich bin mir bewusst, dass in fast allen Kirchen Diskussionen darüber stattfinden, was nur Tradition und was biblische Wahrheit ist. Aber ich fürchte, dass das nicht ausreichen wird, solange die Idee besteht, dass man so etwas wie einen «rein biblischen» Glauben ohne kulturelle Elemente haben kann. Kultur ist sowieso präsent; also sollten wir ihre Existenz besser akzeptieren und zum Wohle aller gestalten.1

C.S. Lewis, “Christianity and Culture Pt. I”, in: Essay Collection & Other Short Pieces, Harper Collins, 2000

Image by Sandro Schuh / unsplash.com

2 Meine Übersetzung, wie auch für alle folgenden Zitate.Comments

Das missverstandene Konzept der Gesetzlichkeit

„Gesetzlichkeit“ ist ein Ding, das in christlichen Gemeinden herumgeistert wie der Weiße Zauberer durch Rohan. Es wird als bedrohlich, subversiv wahrgenommen; es sei hier und da, sagt man; wie es aber richtig aussieht, weiß man nicht, da es offenbar viele verschiedene Formen annehmen kann. Nur, wenn man nicht genau sagen kann, wie etwas beschaffen ist, wie will man dann wissen, dass man es richtig identifiziert?

Sofern man überhaupt Antworten auf die Frage bekommt, was Gesetzlichkeit ist, sind es Antworten die eher zu anderen Fragen passen. Aber mehr dazu gleich.

Klar ist, wenn man ein Problem nicht richtig fassen kann, oder aber falsch bezeichnet, ist es schwer das Problem zu lösen. Meine These hier ist, dass die tatsächlichen Probleme in Gemeinden mit dem Wort „Gesetzlichkeit“ falsch bezeichnet werden, und dass Gesetzlichkeit richtig verstanden etwas anderes ist, das aber wiederum heutzutage kaum ein Problem darstellt. Ich beginne damit, Gesetzlichkeit richtig zu definieren, und schlage dann einen besseren Begriff für das fälschlicherweise mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnete Problem vor.

Richtig verstandene Gesetzlichkeit

Das Phänomen (allerdings nicht das Wort) der Gesetzlichkeit kommt in der Bibel vor, also sollten wir unser Verständnis darüber auch von dort beziehen. Das, was die Apostel in Apostelgeschichte 15 (und Paulus im Galaterbrief) bekämpfen, ist sicher genau das, wofür wir den Begriff verwenden sollten. Es handelt sich um die Lehre, dass Neubekehrte die jüdischen Gesetze halten müssen, um errettet zu werden (vgl. Apg 15,1). Die Jerusalemer Apostel wiesen diese Lehre entschieden zurück. In dieser Form ist Gesetzlichkeit allerdings heutzutage wohl kaum ein Problem mehr, weil das Christentum schon lange nicht mehr aus einem jüdischen Kontext heraus agiert.

Das, was für gewöhnlich mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnet wird, ist eine Variation des Themas „menschengemachte Vorschriften oder Leitlinien“.

In einem etwas erweiterten Sinn mag es auch Gesetzlichkeit geben, die erstens nicht direkt mit der ewigen Errettung in Verbindung gebracht wird, und zweitens nicht mit den jüdischen Gesetzen. Etwas in dieser Art spricht Paulus z.B. in Kolosser 2,18 an. Allerdings verschwimmt bereits die Grenze zwischen der klar definierten Anforderung, den mosaischen Gesetzeskatalog zu halten, und menschengemachten Vorschriften (Kol 2,22). Zu letzteren kommen wir jetzt.

Keine Gesetzlichkeit, sondern Menschengebote

Das, was für gewöhnlich mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnet wird, ist eine Variation des Themas „menschengemachte Vorschriften oder Leitlinien“. Das mosaische Gesetz war immerhin von Gott gegeben. Aber selbst es stellte nur einen „Schatten der wirklichen Dinge“ (vgl. Hebr 8,5) dar. Die Wirklichkeit, mit der Christen in direktem Kontakt stehen sollten, ist Gott selbst in Christus. Die daraus resultierende Glaubenspraxis ist nicht etwa verwässert (weil nicht mehr auf Gesetzen basierend), sondern im Gegenteil, falls überhaupt, anspruchsvoller. Wobei man hier nicht die Bergpredigt als Beispiel anführen sollte, denn Jesus erweitert nur teilweise tatsächliche mosaische Vorschriften (wie in Mt 5,21-22). Ansonsten kritisiert er menschengemachte Zerrbilder mosaischer Gesetze (z.B. in Mt 5,43ff.). Womit wir den Kreis schließen.

Da nun selbst das Befolgen der (rituellen) mosaischen Gebote im NT ausgesetzt ist, ist es a fortiori problematisch, menschengemachten Gesetzen, Vorschriften oder Leitlinien zu folgen. Ich spreche auch von Vorschriften und (im Grunde viel relevanter) von Leitlinien, weil ein plumpes Gesetz (präsentiert als Gesetz) natürlich kaum einen Christen irreführen würde; so viel Theologie haben wir fast alle intus. Das NT selbst gibt uns einige Beispiele solcher menschengemachten Gesetze:

·      Asketismus (Kol 2,18)

·      Engelsanbetung (Kol 2,18)

·      Besonderes Hören auf Visionen (Kol 2,18)

·      Verbote, Dinge zu berühren, zu schmecken oder zu verwenden (Kol 2,21; 1Tim 4,3)

·      Heiratsverbot (1Tim 4,3)

Ich möchte anhand dieser nicht abschließenden Liste auf ein Merkmal solcher schädlichen Menschengebote hinweisen: Sie haben alle den „Anschein von Weisheit“ (Kol 2,23), da sie an gute Glaubenspraxis angelehnt sind. Angelehnt – nicht mehr. Zum Beispiel ist es eine weit verbreitete Praxis, zum besseren Fokus aufs Gebet und das Hören auf Gott zu fasten. Asketismus nimmt diesen Impetus auf und macht daraus eine allumfassende, drakonische Lehre des dauerhaften Verzichts auf alles, das nicht absolut lebensnotwendig ist. Visionen waren Teil der göttlichen Offenbarung an die Propheten; mit Sicherheit spricht auch heute noch Gott durch sie, aber eine Obsession mit Visionen ist sicher falsch, weil übertrieben. Oder nehmen wir das Verbot zu heiraten: hat nicht Paulus dafür geworben, in Betracht zu ziehen Single zu bleiben (1Kor 7)? Aber niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, das Heiraten zu verbieten oder schlechtzureden.

Man mag einwenden, dies seien eher Probleme der antiken Welt. Wir haben heute keine Gnostiker und Asketen mehr. Stimmt. Aber wir haben russlanddeutsche Gemeinden und Alte Versammlungen. Wir haben das Wohlstandsevangelium und charismatische Auswüchse. Wir haben Kleiderordnungen, Sitzordnungen, die Lehre vom verunreinigten Abendmahl, emotionale Ekstase, Behauptungen wie „Immobilien machen immobil“[1], oder, noch schlimmer, die Idee dass Bildung gefährlich sei.

Sollten wir dieses Phänomen mit „Gesetzlichkeit“ beschreiben? Ich meine, nein. Denn es ist klar verschieden von der Behauptung, man müsse das mosaische Gesetz halten. Man könnte eher von „Para-Gesetzlichkeit“ sprechen. Am besten aber wohl davon, dass es sich bei betreffender Idee um eine rein menschliche (wenn auch an göttliche Prinzipien angelehnte) Idee handelt, die keinerlei bindende Kraft hat. Damit demaskieren wir sie am effektivsten als das, was sie tatsächlich ist. Natürlich erfordert es Unterscheidungsvermögen, solche Menschengebote von göttlichen Weisungen zu differenzieren. Deswegen auch meine starken Bedenken bezüglich jeder anti-intellektuellen Haltung unter Christen. Sie verunmöglicht es, den Geist effektiv für das zu trainieren, was er im christlichen Leben tun soll.

Gesetzlichkeit der alten Schule ist fast nirgendwo mehr ein Problem. Menschengebote dagegen fast überall. Zeit sie als das zu sehen, was sie sind. Und das beginnt damit, sie richtig zu benennen.


[1] Ein Freund berichtete mir von dieser Aussage einer Leiterfigur in seinen Gemeindekreisen.

Bild: siora-photography / unsplash.com

«Barbie» ist noch radikaler

Das Trojanische Pferd im Gerwig-Film ist nicht Feminismus.

Achtung: Spoiler voraus!

Warum „Barbie“ ansehen? Meine Zeit und mein Geld mit einem weiteren feministischen Machwerk zu verschwenden, daran lag mir nichts. (Wobei er gar kein ideologisches Machwerk sein dürfte, ist er doch jedenfalls in Deutschland bereits ab 6 Jahren freigegeben…).

Doch dann stieß ich auf Annie Brownell Crawfords hervorragenden Artikel, in dem sie argumentiert, dass der tiefste Abgrund in „Barbie“ nicht Männerfeindlichkeit ist, sondern ein radikaler Existentialismus. Das ließ mich aufhorchen. Und den Film dann doch ansehen.

Wie feministisch und männerfeindlich ist „Barbie“ wirklich? Stimmt Crawfords Analyse? Und was sagen andere Christen dazu?

Feministisch an der Oberfläche

Oft hört die Kritik, „Barbie“ sei zu woke. Abgesehen davon, dass mir schleierhaft ist, wie man irgendeinen Grad an Wokeness erträglich finden kann, ist Barbie eher klassisch feministisch als woke. Es geht um das Frauenbild, um Frauenrechte, um Matriarchat vs. Patriarchat. Die Indizien sind zunächst einmal klar. In der Eingangssequenz heißt es, die mit Babypuppen spielenden Mädchen sollten mal ihre Mutter fragen warum die anfängliche Freude am Kind irgendwann in Überdruss endet – als deutliches Zeichen dafür zerschmettern die Mädchen ihre Babypuppen, was Crawford sogar als Geste Richtung Abtreibung deutet. Mädchen können alles werden, das ist die Botschaft nicht nur des Intros, sondern des ganzen Films; so endet er auch, aber dazu später mehr.

Zum Feminismus gehört auch Männerfeindlichkeit, und davor strotzt der Film nur so. Ken ist nicht nur „überflüssig“ (O-Ton Barbie), sondern auch ein absoluter Volldepp. Er kann nur „Beach“; nicht einmal Wellenreiten kriegt er hin, und der einzige sinngebende Faktor in seinem Leben ist Barbies Aufmerksamkeit (von der er allerdings bestenfalls Brotkrumen abbekommt). Als sie in der realen Welt sind, setzt sich Barbie zum telepathischen Auffinden eines Mädchens hin (fast schon wie die Jedi in einer Clone Wars-Folge über den Aufenthaltsort der bedrohten machtsensitiven Kinder meditieren), während Ken „nicht nachdenken“ will und lieber plump nach der Bestätigung Ausschau halten geht, die ihm in Barbieland verwehrt blieb. Überhaupt sind die Männer echte Lachfiguren; so sehr, dass einem der Verdacht kommt, die karikative Überziehung trage eine Art Selbstkritik (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Ziemlich ohne doppelten Boden wird jedoch Feminismus gepredigt in der Ansprache von Sashas Mutter vor den „komischen Barbies“. Bei näherem Betrachten jedoch sind die dort beklagten Schwierigkeiten nicht spezifisch weiblich, sondern betreffen auch viele Männer in der heutigen westlichen Welt, wie Ryan Mullins in seinem Podcast herausstellt. Ich möchte hinzufügen, dass mindestens ein Teil jener Probleme – nicht nur für Frauen, sondern indirekt auch für Männer – durch den Feminismus verursacht wurden. Wer sagt denn, dass Frauen neben dem Muttersein auch noch Karriere machen müssen, wenn nicht Feministinnen?

Smarte Narrativ-Kritik?

Wie schon angedeutet, mag aber unter der allzu offensichtlichen Oberfläche eine smarte Kritik selbst des Feminismus-Narrativs stattfinden. Mullins z.B. weist darauf hin, dass Ken, entgegen seiner Erwartung, nicht einfach einen Job bekommt weil er ein Mann ist; er bräuchte eine geeignete Qualifikation, deren Berechtigung er allerdings mehrfach genervt in Frage stellt. Für mich ist somit nicht ganz klar, ob hier augenzwinkernd die Mär vom Vetternwirtschafts-Patriarchat auf die Schippe genommen wird, oder eben doch Männerbashing stattfindet. Immerhin gibt es ja die Männer, die ihre Jobs aufgrund erworbener Kompetenz haben. Ken ist somit wohl ein Archetyp einer Art idiotischer Männlichkeit, die es wohl leider gibt.

Eine relativ deutliche Kritik jedenfalls der feministischen Botschaft der Barbiepuppen liefert die Teenagerin Sasha. Barbies haben die Situation von Mädchen und Frauen nicht verbessert, sondern sogar schlimmer gemacht, sagt sie. Das Barbie-Schönheitsideal sei unerreichbar und sorge für Selbstabwertung. Das gehe so weit, dass nicht nur Männer, sondern sogar Frauen „Frauen hassen“. Es braucht kaum betont zu werden, dass dies wiederum eine lachhafte Übertreibung darstellt. Haben wir hier eine Narrativ-Selbstkritik durch Überziehung? Möglich. Ich frage mich nur, was am Ende bei den Kinobesucherinnen – und -besuchern – hängen bleibt. Aber dazu gleich mehr.

Noch ein letzter Hinweis auf feministische Selbstironie: die Barbies in Barbieland fallen dem chauvinistischen Machotum der bekehrten Kens mit lächerlicher Leichtigkeit zum Opfer. Sie identifizieren sich sogar mit ihrer neuen Rolle als Dummchen, Dienerin und „unverbindliche Fernbeziehung“. (Interessanterweise werden sie, anders als Barbie in der realen Welt, nie zum Sexobjekt degradiert). Der einzige Weg, sie von ihrer „Gehirnwäsche“ zu befreien, besteht dann darin, ihnen einen Crashkurs in kritischer Sozialtheorie zu verpassen. Wäre das ein akkurates Bild von Frauen, hieße es ja, dass diese nur dann so etwas wie Selbstbewusstsein entwickeln können, wenn man ihnen eine Ideologie injiziert – was die Frage aufwirft, wer denn nun wem die Gehirnwäsche verpasst.

Radikal existentialistisch in der Tiefe?

Nun, der Feminismus mag im Film ambivalent gewertet werden. Deshalb ist es, wie Crawford in ihrem Artikel argumentiert, entscheidend auf dessen Ende zu blicken. Das Ende enthüllt wie der im Verlauf der Geschichte gesponnene Konflikt aufgelöst wird. Hier hätte „Barbie“ einiges richtig machen und gleichzeitig die Unschärfe bezüglich Feminismus kollabieren können. Stattdessen endet der Film mit der Botschaft, mit der er angefangen hat, nur in einer radikaleren Version: du kannst werden, was du willst. Barbie wird von ihrer Erschafferin Ruth Handler gefragt, wie sie weitermachen möchte. Sie hat die Wahl, eine Puppe zu bleiben, oder aber eine echte Frau zu werden. Barbie entgegnet, dass sie nun jemand sein möchte, der erschafft, und nicht erschaffen wird; eine Schöpferin, statt ein Geschöpf.

Radikaler ist die Botschaft deshalb weil, während dieses Mantra am Anfang in Bezug auf Berufe und Berufungen ausgesprochen wird, dies nun für Identität in ihrer Ganzheit gilt; und weil nun nicht mehr nur Mädchen und Frauen, sondern auch Männer angesprochen werden. Ken wird gesagt, er solle sich nicht über eine Beziehung mit Barbie identifizieren, sondern völlig unabhängig von ihr (und offenbar auch von anderen Frauen oder Männern, denn die werden nicht als Alternative genannt) sein wahres Ich finden.

Das mag zunächst gar nicht so übel klingen. Ist es nicht tatsächlich ungesund, sein Glück in anderen Menschen zu suchen? Das stimmt schon, nur fürchte ich dass die Botschaft von „Barbie“ viel weiter geht. Die christliche Sicht betont dass, auch wenn wir unser ultimatives Glück nur in Gott und nicht in Menschen finden, zwischenmenschliche Beziehungen ein essenzieller Bestandteil unserer Existenz, und teilweise auch unserer Identität sind. Geschlechter sind es in jedem Fall (ja, auch in der Ewigkeit[1]!), und gewiss auch Geschlechterrollen, sofern sie intrinsisch mit dem Geschlecht verbunden sind (z.B. Mutterschaft und Vaterschaft). „Barbie“ predigt eine Selbstverwirklichung ohne Beziehungen, und damit ohne Liebe, wie Crawford scharfsinnig herausstellt. Barbies Philosophie ist somit eine Art Existenzialismus, deren Slogan l’existence précède l’essence (Sartrte) ist. Existenz geht der Essenz voraus. Man existiert zuerst (als eine Art weißes Blatt) und schreibt dann darauf seine Essenz, welche nicht von außen gegeben, sondern eben selbst erschaffen ist. Damit ist der Existenzialismus in krasser Opposition zum christlichen Weltbild.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die allerletzte Szene eine ist, in der sich Barbie beim Gynäkologen anmeldet (bedeutsam, da sie vor ihrer Menschwerdung keine Vagina hat). Das könnte ein Weg hinaus in die Natur der Essenzen sein. Aber diese, wiederum ambivalente Andeutung (Gerwig liebt offenbar Ambivalenzen) reicht nicht, um den Film zu „erlösen“.s

Sein Existenzialismus ist die perfideste Botschaft von „Barbie“. Während man sich über seine Darstellung von Frauen und Männern streiten kann, liegt hier ein so universeller, so lebensumspannender Gegenentwurf zum jüdisch-christlichen Weltbild (das das Abendland mehr als anderthalb Jahrtausende lang geprägt hat), dass Fragen der Ideologie dagegen wie Teenager-Streitigkeiten erscheinen. Um es deutlich zu machen: dieser radikale[2] Existenzialismus predigt eine Welt ohne Liebe, weil Liebe nur in Beziehungen funktioniert.

Ich muss zugeben, dass dieser Blick in die Tiefe nicht leicht zu bewerkstelligen ist. Ohne Crawfords Hilfe hätte ich ihn nicht, oder nicht sofort hinbekommen. Wie sehen anderen christliche Medien die Sache?

Andere christliche Reaktionen auf „Barbie“

Christliche Medien im deutschsprachigen Raum sehen im Großen und Ganzen: nichts, worüber es sich zu schreiben lohnt. Ich konnte per Websuche nur diesen Artikel von livenet.ch sowie diese Videobotschaft einer Toggenburger Gemeinde finden. Der Artikel ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung der Aussagen von „Barbie“-Regisseurin Greta Gerwig über ihren eigenen Film und eines Artikels von Tola Doll Fisher, der lediglich beobachtet, dass Barbie auf ihrer Suche kurz vor Jesus Halt macht, und dass die Ansprache von America Ferreira (Sashas Mutter) von Jesus wohl begrüßt worden wäre. Die Videobotschaft wiederum stellt sich vor, was Jesus zu Barbie sagen würde: dass sie schön und geliebt und gewollt ist.

Es liegt mir fern, insbesondere den Inhalt der Videobotschaft in Frage zu stellen. Tatsächlich würde Barbies Sinnsuche ein erfülltes Ende finden, wenn sie diese Wahrheiten verinnerlichte. Dennoch bleibt die Frage, ob das alles ist, was Christen derzeit an intellektuellen Antworten auf so offensichtlich kulturprägende Faktoren wie „Barbie“ zu entgegnen haben.

Der Eindruck, der bleibt

Barbie ist ein intelligenter und handwerklich hervorragend gemachter Film. (Die Lacher, die Ryan Mullins während des Guckens hatte, blieben mir im Hals stecken, aber das mag persönlichkeitsbedingt sein). Aber hohe Qualität ist noch kein Garant für Tugend.

Seine Feminismuskritik mag subtil vorhanden sein; sein Existenzialismus ist es nicht. Letzterer wird wohl nur von geschulten Philosophen erkannt und nur von solchen, die noch nicht durch ihn verdorben worden sind, abgelehnt werden; alle anderen werden ihn aufnehmen wie ein Trojanisches Pferd. Erstere wird nach meiner Einschätzung an den allermeisten Kinobesuchern spurlos vorübergehen. Was den meisten bleiben wird, ist ein spaßiges Männerbashing mit einer guten Prise weiblicher Rache- und Intrigefantasien. Nicht gerade das, was man einen pädagogisch wertvollen Film nennen kann.


[1] Man sollte Jesu Aussage, dass die Heiligen im Himmel nicht mehr heiraten (Matthäus 22,30) nicht so verstehen, dass es dort keine Geschlechter mehr gibt. Dafür gibt es keinerlei Belege. Wer Schwierigkeiten hat, sich bei himmlischen Wesen Geschlechtlichkeit vorzustellen, der möge C.S. Lewis‘ Perelandra lesen, wo in meisterhafter Manier Engeln Geschlechtlichkeit zugeschrieben wird, wiewohl in anderer Manifestation als wir es bei Menschen gewöhnt sind.

[2] Ich spreche hier bewusst von einer radikalen Form des Existenzialismus. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Urväter des Existenzialismus (Sartre, Camus, Heidegger) sich angesichts von „Barbie“ die Augen vor Verwunderung gerieben hätten. Oder sich im Grab umdrehen würden.

Bild: imbd.com

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