Was ist der Unterschied zwischen guter und schlechter Literatur?

Zunächst einmal eine Klarstellung. Ich verwende den Begriff «gute Literatur» nicht als Synonym für «fesselnde», «stilistisch ausgefeilte» oder «gut strukturierte» Schriften, obwohl alle diese Attribute dazu beitragen können, dass ein Werk gute Literatur ist.

So kann ein Buch sehr spannend sein und dennoch keine gute Literatur in meinem Sinne sein. Umgekehrt meine ich mit «schlechter Literatur» nicht Literatur, deren einziger Makel darin besteht, dass sie nicht fesselnd, stilistisch ausgefeilt oder gut strukturiert ist. Was ich damit jeweils meine, wird hoffentlich klarer werden, wenn ich meine Vorschläge entfalte.

Es ist wichtig zu beachten, dass die folgende Liste nur eine erste Annäherung ist, und dass die Kriterien vielleicht hinreichende Bedingungen sind, aber sicherlich keine notwendigen; d.h. gute oder schlechte Literatur muss nicht alle davon erfüllen, um als gute oder schlechte Literatur zu gelten, aber vielleicht reicht eines der Kriterien aus, um sie zu einer solchen zu machen. Eine letzte Vorbemerkung: Was über Literatur gesagt wird, lässt sich mutatis mutandis auch auf andere Kunstwerke anwenden.

  • Schlechte Literatur beschäftigt sich mit niederen Begierden und Themen, ohne darüber hinaus zu blicken oder sie in einen grösseren Kontext zu stellen. Beispiele dafür sind Sex (als rein körperliches Vergnügen), Reichtum oder Ansehen. Gute Literatur hingegen beschäftigt sich mit den sog. „Transzendentalien“: dem Wahren, dem Guten und dem Schönen. Sie versucht, die Transzendentalien in Personen, Orten und Dingen zu identifizieren und sie dem Leser auf eine Art und Weise zu präsentieren, wie es nur eine Erzählung tun kann: irgendwo auf halbem Weg zwischen «daraufblicken» und «entlangblicken».
  • Gute Literatur transzendiert die eigene, kleinliche, idiosynkratische Perspektive des Autors: sie versucht, das Gute, Wahre und Schöne im Anderen zu sehen (meist Menschen, aber auch Tiere oder Dinge). Schlechte Literatur tut das nicht; sie ist entweder parteiisch oder egozentrisch. Gute Literatur urteilt, manchmal hart und unverblümt; schlechte Literatur verleumdet und dämonisiert.
  • Gute Literatur beschreibt Personen realistisch, aber niemals zynisch oder gar bösartig; sie versucht, schlechte Menschen zu verbessern, anstatt sich in ihrer Schlechtigkeit zu suhlen.
  • Gute Literatur kann mittels der Schaffung einer Fantasiewelt vorgehen, in der die Transzendentalien schärfer konturiert sind als in einem der realen Welt nachempfundenen Buchkosmos, weil vertraute Einzelheiten (Orte, Personen etc.) entweder abwesend oder eher wie eine schattenhafte Hintergrundkulisse präsent sind. Vertraute Objekte neigen dazu, die Aufnahmefähigkeit des Geistes für das Transzendente abzulenken; ungewohnte Erscheinungen bringen uns dazu, die Gemeinsamkeiten in anderen Merkmalen als der physischen Beschaffenheit oder den Namen zu suchen.
  • Hier kommt vielleicht ein allgemeines Phänomen zum Vorschein: nämlich, dass die Tiefenstruktur der Realität, die Transzendentalien, nicht leicht in den Einzelheiten um uns herum wahrgenommen werden kann. Vielleicht ist die Welt – in dem Sinne, in dem das Neue Testament den Begriff verwendet (siehe z.B. 1. Johannes 2,15-17) – ein System, zu dessen Zwecken es gehört, das Transzendente zu verbergen; die Menschen mit den Oberflächenerscheinungen der Einzeldinge zu beschäftigen. So kann die Betrachtung einer anderen Welt, die der unseren vor allem in Bezug auf die Transzendentalien und andere grundlegende Elemente der Natur (wie Jahreszeiten, Essen und Trinken usw.) ähnelt, sich aber in Bezug auf die Protagonisten unterscheidet und der viele kulturelle Besonderheiten unserer Welt fehlen, uns helfen, die Gemeinsamkeiten besser zu sehen. (Wenn, z.B., der loyalste Charakter in einem Buch ein sprechender Dachs ist, wie in Prince Caspian, identifizieren wir natürlich Loyalität nicht mit dachsartigem Aussehen, sondern mit einer immateriellen Eigenschaft). In einer solch ungewohnten Umgebung drängen sie sich uns auf wie ein tiefes, rhythmischer Dröhnen; wir wissen nicht, woher es kommt, selbst wenn wir alle möglichen Dinge um uns herum sehen, die nicht sein Ursprung sein können. Ein plötzlicher Wechsel der visuellen Szenerie macht das Dröhnen als einzigen anhaltenden Sinneseindruck nur noch auffälliger.

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